Forschungsprojekt Alpaka
Einst wollte der Mond die Sonne heiraten. Als er merkte, dass er nicht mit ihr zusammenkommen konnte, flossen Tränen. Die Tränen des Mondes sammelten sich und ließen den Rio Amazonas entstehen, so eine indianische Legende. Heute steht der Name Amazonas für das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Welt und eines der artenreichsten Ökosysteme. Damit zählt die Region zu den neuen sieben Weltwundern. Zudem gibt es keine Region der Welt, deren Bedeutung so hoch geschätzt wird, dass nichts Geringeres als die Rettung des Weltklimas von ihr abzuhängen scheint.
Der Rio Amazonas ist Lebensader nicht nur für den Regenwald, sondern für fast den gesamten Norden des südamerikanischen Kontinents. Er prägt Landschaften, die vielfältiger nicht sein könnten: von den Höhen der Anden bis hinab ins Tiefland Brasiliens. Seine Quellflüsse entspringen in über 5.000 Meter Höhe in den peruanischen Anden. Auf dem Weg zum Atlantik sammelt der Strom riesige Wassermassen aus 10.000 Nebenflüssen. Damit erreicht er ein Volumen von etwa dem Hundertfachen des Rheins. Der Amazonas ist mit Abstand der wasserreichste Fluss der Welt. Doch woher kommt das viele Wasser?
Dirk Steffens beleuchtet ungewöhnliche Facetten des einzigartigen Stroms. Er macht sich auf in eine überwältigende Gebirgslandschaft zu den Quellen, dorthin, wo Mythen und Legenden ihren Anfang nehmen. Er folgt dem Verlauf des Wassers aus den eisbedeckten Anden durch felsige Wüsten bis tief hinab in den Urwald Amazoniens. Die Tier- und Pflanzenwelt in diesen extrem unterschiedlichen Lebensräumen birgt noch so manche Überraschung. Immer wieder entdecken Forscher unbekannte Arten - ob in den tropischen Regionen, den Nebelwäldern an den Berghängen oder den windgepeitschten kargen Hochebenen.
Rätselhaft blieb lange Zeit, weshalb Meeresbewohner wie Haie, Rochen, Seezungen, Garnelen und sogar Delphine, die den Amazonas bevölkern, Tausende Kilometer von der Meeresküste entfernt existieren können. Die Erklärung liegt weit in der Vergangenheit: Bis vor 130 Millionen Jahren gehörten Afrika und Südamerika zum Superkontinent Gondwana. Wissenschaftler vermuten, dass das Quellgebiet des Ur-Amazonas einst im Zentrum der heutigen Sahara lag und von dort über 14.000 Kilometer Richtung Westen floss, um im Pazifik zu münden. Nachdem der Urkontinent zerbrochen war, driftete die südamerikanische Kontinentalplatte nach Westen und kollidierte mit der Erdkrustenplatte des Pazifiks. Durch den Zusammenprall türmten sich die Anden auf. Mit ihrer Auffaltung vor über zehn Millionen Jahren blockierten sie die Mündung des Ur-Amazonas. Der Strom musste seine Fließrichtung ändern und sich einen neuen Weg bahnen - hin zum Atlantik. Den Bewohner des Ur-Amazonas blieb nichts übrig, als sich an das aus den Anden herabströmende Süßwasser anzupassen - oder unterzugehen.
Der neue Gebirgszug wurde nicht nur zur neuen Wasserscheide, er veränderte auch das Klima der gesamten Region. Obwohl die Anden Perus in den Tropen liegen, sind sie auf über 5.000 Meter Höhe das ganze Jahr über von Gletschern bedeckt. Der Großteil der Niederschläge fällt an den Ostflanken der Anden und speist die tosenden Quellflüsse des Rio Amazonas. Die Hänge gehen über in üppige Nebelwälder und in die Regenwälder des Amazonasbeckens. Dort wird rund die Hälfte aller Niederschläge durch die hohe Verdunstung vor Ort gespeist. Der Regenwald schafft sich sein eigenes feuchtes Klima. Im krassen Gegensatz dazu stehen die extrem trockenen Hochebenen der Anden.
Bestens an die harschen Bedingungen angepasst sind Kamele. Von Nordamerika aus eroberten sie die gesamte Welt. Vor etwa 50 Millionen Jahren wanderten sie in Südamerika ein und schrieben eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte: In den südamerikanischen Anden entwickelten sich Lama, Alpaka, Vikunja und Guanako mit erstaunlichen Anpassungen an ein Leben in über 4.000 Metern Höhe. Die Kleinkamele erleichterten es einst den Menschen, die unwirtliche Region um die Quellen des Amazonas zu besiedeln. Auf den Spuren der Andenbewohner begegnet Dirk Steffens den Zeugnissen alter Kulturen. Sie vermochten den rauen Bedingungen zu trotzen und das "heilige Wasser" der Quellflüsse des Amazonas geschickt zu nutzen.
Im 15. Jahrhundert schufen die Inka innerhalb weniger Generationen ein Reich, das von Kolumbien bis nach Chile reichte. Sie gründeten heilige Stätten wie Machu Picchu, die geheimnisumwitterte Festung in den Wolken. Dabei nutzten sie geschickt die natürlichen Begebenheiten für ihre Bauwerke. Die Anlage zeugt nicht nur von der Kunst der Baumeister, sondern auch von den astronomischen Kenntnissen der Inka. Tempel und Observatorien richteten sie nach der Sonne und nach auffälligen Sternenkonstellationen aus. So bestimmten sie die Tage der Sommer- und Wintersonnwende und beobachteten auffällige Sternbilder wie die Plejaden am Himmel.
Forscher gehen davon aus, dass die Inka sogar Missernten vorhersagen konnten. Im Tal tief unterhalb von Machu Picchu fließt der Urubamba, der heilige Fluss der Inka. Seine Wasser ergießen sich in den Amazonas. Von den Hängen der Anden schmirgelt es Sedimente ab und nimmt sie Tausende von Kilometern mit. Die unzähligen Zuflüsse des Amazonas transportieren Lehm und Mergel bis hinunter in die Ebene. Die Sedimentfracht gab den Zuflüssen ihren Namen: Weißwasserflüsse. Während Hochwasserperioden lagert sich die fruchtbare Fracht entlang des verzweigten Flusssystems ab.
Der Rio Amazonas wird nicht vom Gefälle allein, sondern auch durch die aus den Bergen nachschiebenden Wassermassen vorangetrieben. Trotzdem kann der im Flachland kilometerbreite Strom das Amazonasbecken nicht entwässern, vermuten Forscher. Sie entdeckten im Untergrund einen weiteren Strom, der sich über 6.000 Kilometer von den Anden bis zum Atlantik erstreckt - einen zweiten, unterirdischen Rio Amazonas also, ein komplexes Flusssystem, das noch kaum erforscht ist.
Das tropische Tiefland beherbergt eine Welt, die rätselhafter kaum sein könnte. Entdecker scheiterten oft an der schier unermesslichen Ausdehnung des Tropenwaldes. Er verbirgt unzählige Tier- und Pflanzenarten, die noch nie ein Forscher gesehen hat. Viele befürchten, dass mit dem Raubbau am Regenwald unbekannte Arten unwiederbringlich verloren gehen und die Rodung großer Flächen den Klimawandel beschleunigen könnte. Doch jetzt schicken sich Wissenschafter an, dem undurchdringlichen Dickicht seine Geheimnisse zu entlocken. Bislang entzog sich die Region einer Erfassung aus der Luft, da sie sich viele Monate im Jahr unter einem dichten Wolkenschleier verbirgt. Nun kommen modernste Methoden der Satelliten- und Luftüberwachung zum Einsatz, die diesen Schleier durchdringen. Mit ihrer Hilfe will man die Schätze, die sich unter dem dichten Kronendach verbergen, studieren und den Raubbau kontrollieren.
Dirk Steffens begibt sich auf eine Entdeckungsreise über mehrere tausend Höhenmeter. Er erzählt unerwartete und faszinierende Geschichten, die er zwischen dem ewigen Eis der Anden und dem dampfigen Regenwald des Amazonasbeckens aufgespürt hat.





