Kommentar von Norbert KönigDas Drama um die Relegation zwischen Fortuna und Hertha geht weiter. Am Freitag verhandelte das DFB-Sportgericht sieben Stunden lang, am Montag dann das erstinstanzliche Urteil: Herthas Einspruch wird abgewiesen. Doch die Berliner kündigen umgehend Berufung an. Ein Ende des Rechtsstreits ist nicht absehbar.„Dann wurde der Platz natürlich sofort wieder gestürmt.“ Fast gleichlautend haben im Zeugenstand die Vertreter von DFL und DFB den Moment geschildert, als das Skandalspiel von Düsseldorf tatsächlich beendet war. Aber ist es denn „natürlich“, dass Fußballprofis, vor allem die der Gästemannschaft, zweimal binnen einer halben Stunde vor heranstürmenden Fußballfans die Flucht ergreifen müssen? Da spielt es für mein Gefühl keine Rolle, ob diese Meute nun in friedlicher Absicht oder gewaltbereit unterwegs war.
Möglicherweise unfreiwillig haben Ralf Ziewer, der DFB-Sicherheitsbeauftragte für die Partie in Düsseldorf, und Götz Bender, der Projektleiter der DFL für die beiden Relegationsspiele, mit ihrer Schilderung des finalen Sturmlaufes vieler Zuschauer den Finger in die Wunde gelegt. Selbstverständlich ist es keineswegs natürlich, dass einem Teil des Publikums praktisch vorzeitig Tür und Tor geöffnet werden, um auf dem Rasen die große Aufstiegsparty zu beginnen.
Revision vor dem DFB-BundesgerichtDie Entscheidung des DFB-Sportgerichts ist für mich nicht nachvollziehbar. Was sind sie denn dann noch wert bei derart wichtigen und brisanten Spielen, die Regeln von DFB und DFL? Niemand außer den direkt Beteiligten soll sich während des Spiels am Spielfeldrand oder hinter dem Tor aufhalten, einem ordnungsgemäßen Spielbetrieb zuliebe. Nur weil dann nach ewigem Warten die letzten 90 Sekunden halbwegs regelkonform, ohne Eckfahnen, dafür mit einem Krater als Elfmeterpunkt, gemäß der Tatsachenentscheidung des Schiedsrichter durchgezogen wurden?
Tatsache ist, nach Auskunft des Sicherheitsbeauftragten: die 900 Düsseldorfer Ordner haben sich den freudetrunkenen Fans nicht in aller Entschlossenheit entgegen gestellt – also ein Heimvorteil für die Feierwilligen. Noch während des laufenden Spiels haben diese Fans das Feld umstellt, die Spieler praktisch eingekesselt, und es bedurfte nur eines kleinen Missverständnisses, dass nach dem Schneeballprinzip der Rasen gestürmt und ramponiert, dass gejubelt und gepöbelt – und den schwächelnden Fortunen damit eine unerwartete Atempause zuteil wurde, knapp zwei Minuten vor Schluss.
Verängstigte Hertha-Spieler?Wer aber will darüber richten, ob sich einer, einige oder alle Hertha-Profis bedroht gefühlt haben, als ihnen Hunderte Fans entgegenstürmten? Wer will behaupten, dass diese Spieler nach zwanzig Minuten in der Kabine mit dem gleichen Elan und Rhythmus – als wäre nichts gewesen – nochmal aufs dritte Tor drängen konnten? Und was wäre denn passiert, wenn dieses dritte Tor tatsächlich noch gefallen wäre?
Immer noch Party, und „passiert ja keinem was“? Dass Angst laut Gerichtsurteil nicht nachzuweisen ist, hat man schon vorher gewusst. Die Herthaner hätten deshalb nicht so sehr auf die Themen Eskalation und Todesangst abheben sollen – Regelverstöße und potentielle Gefahren hätten nach meinem Verständnis als Argumente reichen müssen.
Gefährliche Pyro-SpieleKeiner sollte und wird die unverantwortlichen und gefährlichen Pyro-Spiele im Hertha-Block kleinreden. Hätte Wolfgang Stark hier die Notwendigkeit gesehen, das Spiel abzubrechen, wäre es das wohl gewesen mit Herthas Hoffnungen auf den Klassenerhalt. Andererseits: hätte der Referee das Spiel nach knapp 96 Minuten nicht unter-, sondern abgebrochen, könnte jetzt am grünen Tisch auch schon ein 0:2 gegen den womöglich verantwortlichen Verein stehen – und damit: aus, der schöne Fortuna-Traum.
Auch wenn das halbstündige Plädoyer von Christoph Schickhardt augenscheinlich schon vor der Beweisaufnahme weitgehend auf dem Papier stand: der Hertha-Anwalt hat in brillanter Weise argumentiert, warum dem Einspruch der Berliner gegen die Spielwertung stattzugeben sei, mag es auch nur noch um knapp zwei Minuten Spielzeit gegangen sein, und mag eine mögliche psychisch-moralische Schwächung der Spieler eben auch objektiv nicht nachweisbar sein.
Bärendienst der Fans?Mit der falsch verstandenen Umsetzung des oft bemühten Mottos „Die Fans, der 12. Mann“ haben die Düsseldorfer Fans ihrem Team jedenfalls keinen Gefallen getan, egal ob sich eine der nächsten Instanzen doch noch für eine Wiederholung der Partie entscheiden sollte – eine saftige Strafe wird die Fortuna ohnehin zahlen müssen.
Bei der Urteilsfindung hat hoffentlich keine Rolle gespielt, dass einige Hertha-Profis nach Spielschluss auf üble Art und Weise gegenüber dem Schiedsrichter und seinem Team aus der Rolle gefallen sind. Diese Vergehen werden schließlich an anderer Stelle, hoffentlich in aller Schärfe, geahndet. Umso befremdlicher war es, wie oft das Sportgericht auf diese Vorfälle abhob, obwohl sie eben nicht Gegenstand der Verhandlung waren.
Laut Richter Lorenz habe nicht viel gefehlt zu einem Urteil pro Hertha. Gut möglich, dass die Berliner mit Hilfe ihres Anwalts dieses kleine bisschen noch finden werden für die (eventuelle?) Berufungsverhandlung. Der späte Saisonzeitpunkt kann jedenfalls nicht als Argument dienen, die Flinte jetzt auf den Rasen zu werfen ….