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EM-Porträt - Portugal

Mit Fußball heraus aus der Tristesse

  • Portugiesische Fans
  • Bilderserie Das Team der starken Individualisten
  • Abstimmung: Deutschland - Portugal: Wer gewinnt?
  • Portugiesische Fans
    Portugiesische Fußballfans / Quelle: imago
    (06.06.2012 Quelle: imago)
    BilderserieEM-Kader Portugal - die Top-Akteure
    Paulo Bento / Quelle: imago

    Zum Auftakt der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine trifft die deutsche Mannschaft am Samstag, den 9. Juni (20.45 Uhr/ARD) auf Portugal. Die Top-Spieler von Coach Paulo Bento haben unter den Fans allesamt einen guten Klang. Individuell ist das Team stark besetzt, doch taktisch hat es nicht höchstes Niveau.

    (30.05.2012)
    Abstimmung: Deutschland - Portugal: Wer gewinnt?

    Kurzmeldung

    • 14:36 08.06.2012Kurzmeldung

      Ronaldo ist der "Facebook-König" 14:36 08.06.2012
      An Cristiano Ronaldo reicht niemand heran, selbst Lionel Messi nicht oder David Beckham. Mit knapp 45 Millionen Fans ist der Star des deutschen Auf- taktgegners Portugal der "König" bei Facebook vor Argentiniens Weltfußballer Messi (36,3 Millionen) und "Becks" (18,8). Das sind gut viermal so viele Menschen, wie Portugal Einwohner hat. Von solchen Zahlen ist Mesut Özil noch weit entfernt, doch mit 5.284.431 "Freunden" ist der Spielmacher zumindest in der deutschen Elf unerreicht. Özil verzeichnet fast fünfmal so viele Fans wie Thomas Müller als nationale Nummer zwei.

    • 15:10 04.06.2012Kurzmeldung

      Drei Portugiesen angeschlagen 15:10 04.06.2012
      Der erste deutsche EM-Gegner Portugal reist mit leichten Personalsorgen nach Polen. Die angeschlagenen Stammspieler Nani (Schmerzen am Fuß), Joao Moutinho (Ferse) und Fabio Coentrao (Hüfte) nahmen am Montag in Lissabon nicht am letzten Training vor der Abreise ins EM-Quartier in Opalenica teil. Die Portugiesen werden erst am Montagabend nach Posen fliegen. Die heiße Phase der Vorbereitung auf das Spiel gegen Deutschland am Samstag (20.45 Uhr) in Lwiw beginnt am Dienstagnachmittag mit dem ersten Mannschaftstraining in Opalenica.

    • 22:52 02.06.2012Kurzmeldung

      Portugal unterliegt der Türkei 22:52 02.06.2012
      Der deutsche EM-Auftaktgegner Portugal hat seine EM-Generalprobe verpatzt. Eine Woche vor dem Spiel gegen die DFB-Elf verlor das Team um Cristiano Ronaldo in seinem letzten Test gegen die Türkei trotz Überlegenheit mit 1:3 (0:1). Torwart Volkan Demirel hielt einen Foulelfmeter von Ronaldo (65.). Umut Bulut hatte die Türken in Führung gebracht (35. und 52.). Nani war der Anschlusstreffer gelungen (57.). Für die Entscheidung sorgte Real Madrids Innenverteidiger Pepe mit einem Eigentor (88.). Schon vor einer Woche war Portugal gegen Mazedonien nicht über ein 0:0 hinausgekommen.

    von Clemens Zavarsky

    Aus „Fado, Fatima, Fußball“ ist in Portugal inzwischen „Fado, Fußball, Finanzkrise“ geworden. Jetzt soll die EURO in Polen und der Ukraine dem Land neues Leben einhauchen.

    Lissabon ohne die beiden Klubs Sporting und Benfica ist wie Lissabon ohne Fado, der melancholischen Volksmusik Portugals. Ohne die beiden Hauptstadt-Klubs gäbe es keine Nationalmannschaft. Und so wundert es wenig, dass der oft schwermütige Fado auch in deren Spielweise zu finden ist. Wie in der Stimmung des gesamten Landes. 2011 kletterte die Arbeitslosigkeit auf über 12 Prozent, den höchsten Stand seit fast dreißig Jahren. Anfang 2012 waren es sogar 14 Prozent. In der Nationalmannschaft, der Selecção das Quinas Tugas, finden die Portugiesen willkommene Abwechslung.

    Fußball beherrscht das Stadtleben

    Im Stadtteil Bairro Alto in Lissabon platzen die Lokale aus allen Nähten, wenn das Team spielt. Fußball bestimmt das Leben vieler Portugiesen, und Paulo Bentos Mannen sind ihr ganzer Stolz. Selbst wenn das runde Leder einmal nicht rollt, gibt es nur ein Thema. Diesmal soll es ganz bestimmt was mit dem Titel werden. Dass die Realität spätestens am Ende eines Turniers anders aussieht, hat seine Gründe. Denn quälen will sich der portugiesische Fußballer nicht. Sofern alles locker und leicht vom Rist rutscht, ist er zufrieden. Sobald die Leichtigkeit ins Stocken gerät, gerät auch das Spiel außer Kontrolle. Mit der Bezeichnung „Brasilianer Europas“ mischte sich ein Hang der Selbstüberschätzung in das Spiel der Ronaldos, Nanis oder Vianas.

     

    ZITAT
    ...dass Ronaldo wegen der steilen Hänge zum Fußballgott wurde. Bei allen Dribbeleien führt er den Ball faszinierend nah am Fuß – wäre ihm auf Madeira der Ball weg gesprungen, wäre der verloren gewesen
    Veronika Schmidt, Journalistin
    Denn mit dem Aufstieg der „goldenen Generation“ um Luis Figo stiegen die sportlichen Ansprüche der Bevölkerung, obwohl Portugals nationale Auswahl, abgesehen von Eusebios glanzvollem Auftritt als Torschützenkönig bei der WM 1966 in England (neun Tore; Platz drei), auf internationaler Ebene eine marginale Rolle gespielt hatte. Die Titellosigkeit sollte bei der Heim-EURO 2004 ein Ende haben.  Mit Griechenland machte ein aktueller Leidensgenosse der Finanzkrise im Endspiel im ausverkauften Lissaboner Estadio da Luz alle Hoffnung zunichte. Selbst dieser Trauertag wird in den Liedern der „Fadista“ besungen. Doch seitdem gilt Portugal bei jedem Großereignis als selbst ernannter Favorit und hat mit Cristiano Ronaldo einen Titelgaranten in den eigenen Reihen.

     

    In engen Gassen und auf steilen Bergen aufgewachsen

    Jener, so sagt man, erlernte seine perfekte Technik im Kindesalter in seiner Heimat Madeira. „Wie, um Himmels willen, lernt man in dieser Gegend Fußball spielen?“ fragte sich die österreichische Journalistin Veronika Schmidt, „die Berge aus Vulkangestein türmen sich über 1500 Meter auf. Wo man hinsieht: keine ebene Fläche, nur Berge, Schluchten, Klippen. Da liegt die Vermutung nahe, dass Cristiano Ronaldo nicht trotz, sondern wegen der steilen Hänge zum Fußballgott wurde. Bei allen Dribbeleien führt er den Ball faszinierend nah am Fuß – wäre ihm auf Madeira der Ball weggesprungen, wäre der verloren gewesen.“

     

    Ronaldo ist der Hoffnungsträger seines Landes. Nicht nur auf dem Fußball-Platz sondern auch abseits. Damit zumindest sportlich das Land positive Schlagzeilen liefert, führen die Gäste in den Cafes von Lissabon, Porto und der Algarve hitzige Debatten über 4-3-3 oder 4-2-3-1-Systeme.  Dann greift der „Fadista“ auf der Bühne zur Gitarre. Schon verstummen die Gespräche, setzt die Melancholie ein. Und trotzdem trägt am Ende jeder ein Lächeln auf den Lippen. Wie bei Ronaldo, wenn er zum Freistoß antritt...

    Taktik, Stars, Stärken und Schwächen

    Team

    Ende gut, alles gut. So könnte das Fazit nach einer mühsamen Qualifikation lauten. Erst im Play-off-Rückspiel löste Portugal mit einem klaren 6:2 über Bosnien-Herzegowina das Ticket zur EM-Endrunde.

    Paulo Bento, der den glücklosen Carlos Queiroz im September 2010 beerbte, zeigte sich im Anschluss mutig:  Er suspendierte Ricardo Carvalho, nachdem der eigenmächtig ein Trainingslager verlassen hatte, und Jose Bosingwa, weil der den Coach öffentlich kritisiert hatte. Dem Trainer sind Ruhe und Disziplin in der Gruppe wichtig. Die Erwartungshaltung an das Team ist hoch, der Kredit bei den Fans könnte in der "Todesgruppe" schnell aufgebraucht sein.

    Taktik

    Attraktiver Kombinationsfußball technisch gut ausgebildeter und ballsicherer Spieler charaktisiert den portugiesischen Fußball. Doch Paulo Bento verlangt wesentlich mehr Ordnung von seinen Spielern, auf und außerhalb des Platzes. Er installierte in der Nationalmannschaft ein pragmatisches, auf die Stärken der Außenstürmer fixiertes 4-3-3.

    Eckpfeiler des Teams sind die Ausnahmekünstler Nani und Ronaldo. Die
    weltbekannten Dribbler sind Dreh- und Angelpunkt aller Angriffsbemühungen. Beide
    können im 4-3-3-System ihre Stärken voll und ganz ausspielen: Sie sind weit entfernt
    von klassischen Außenstürmern, die an die Grundlinie gehen. Stattdessen wählen sie
    oft und gerne mit ihren Dribblings den direkten Weg Richtung Tor. In vielen
    Situationen agieren die Beiden daher zentral, für die Breite im System sind die
    aufrückenden Außenverteidiger zuständig.

    Stärken

    Wenn Ronaldo und Nani im gegnerischen Drittel im Halbfeld ungestört den Ball
    haben, können sie zu ihren gefürchteten Fernschüsse ansetzen. Portugal hat in der
    Qualifikation fast 40% ihrer Treffer von außerhalb des Sechszehners erzielt – eine
    exorbitant hohe Quote, die im europäischen Klubfußball so gut wie kein Team erreicht.

    Neben den erwähnten Dribbelkünstlern tut sich zudem Raul Meireles mit seinem
    harten Schuss hervor. Gegner der Iberer werden darauf achten müssen, im eigenen
    Drittel nie mehr als einen Meter Abstand zu den Scharfschützen zu lassen. Gerade
    zweite Bälle nach Ecken und Freistößen sind ein gefundenes Fressen für die
    Portugiesen.

    Nach Flanken ist Portugal nämlich mittlerweile extrem gefährlich: Acht der 23 unter Bento erzielten Tore fielen direkt nach Hereingaben. Trotzdem ist dies eher als eine Erweiterung der Strategie zu sehen; Pässe auf Ronaldo und Nani sind im Spielaufbau noch immer die erste Wahl.

    Schwächen

    Die Strategie der Fütterung der Außenstürmer klingt auf dem Papier leicht: Ball
    gewinnen, Pass zu Ronaldo / Nani, fertig. In der Praxis ist es jedoch alles andere als
    simpel, denn den Portugiesen fehlt ein starker Passspieler im Mittelfeld. Nicht dass
    Bento keine ordentlichen Alternativen zur Verfügung hätte – mit Moutinho (FC Porto)
    und Raul Meireles (FC Chelsea) bietet Portugals Kader zwei Achter von
    internationalem Format. Das Problem: Beide leben von ihrer Dynamik und ihrem
    Passspiel bei Kontern. Einen wirklichen Kreativspieler auf der Sechs oder Acht, der tief
    stehende Abwehrreihen öffnen kann, haben die Portugiesen nicht.

    Die mangelnde Kreativität im Mittelfeld wiegt bei einer Betrachtung der Abwehrspieler
    umso schwerer. Moderne, spielmachende Innenverteidiger gibt der Kader nämlich
    nicht her. Pepe und Alves gehören unbestritten zu den zweikampfstärksten Akteuren
    im gesamten Wettbewerb, allerdings sind sie meilenweit vom spielerischen Niveau
    eines Hummels oder Pique entfernt. Weder das Mittelfeld noch die Abwehr bieten
    kreative Lösungen, wie der Ball zu den Außenspielern kommen kann.

    Besonderes

    Portugal ist der lebende Beweis, wie wichtig Taktik im modernen Fußball ist. Wer sich
    die individuelle Fähigkeiten der Mannschaft anschaut, müsste ihnen eigentlich eine
    Favoritenrolle im Turnier zugestehen. Laut Transfermarkt.de ist der Marktwert ihrer
    ersten Elf (260 Mio. €) nur unwesentlich kleiner als der von Deutschland (knapp 300
    Mio. €), nur Spanien ist weit voraus (knapp 400 Mio. €). Gerade auf den
    Flügelpositionen sind sie mit Ronaldo, Nani und Edeljoker Quaresma exzellent besetzt,
    aber auch sonst spielen alle Stammspieler bei europäischen Top-Klubs.

    Superstar

    An seinem 27. Geburtstag pflegte Cristiano Ronaldo wieder einmal das Image des abgehobenen Superstars. Exakt 125 Tage vor dem EM-Duell in Lwiw gegen Deutschland machte sich der Superstar des spanischen Fußball-Rekordmeisters Real Madrid selbst das schönste Geschenk. "CR7" leistete sich einen Lamborghini Aventador LP 700-4 - eine 340.000-Euro-teure limitierte Luxus-Auflage des italienischen Automobilherstellers.

    Damit dürfte es in der heimischen Garage des Weltfußballers von 2008 bald Platzprobleme geben. Schließlich nennt der teuerste Spieler Welt (94 Millionen Euro) mittlerweile zwölf Autos sein Eigen. Darunter sind unter anderem zwei Bentleys, vier Audis, ein Aston Martin und ein Maserati.


    Trotz dieser und zahlreicher anderer Star-Allüren hat Ronaldo, der in seiner Freizeit am liebsten im eigenen Garten arbeitet, durchaus eine liebenswerte Seite. Ein kleinen Teil seines Gehalts von zwölf Millionen Euro spendet der im Armenviertel von Madeira aufgewachsene Profi für soziale Projekte.


    Um sich auch als Fußballer in die Herzen der Fans zu spielen, muss Ronaldo öfter so auftreten wie beim 6:2 im Play-off gegen Bosnien-Herzegowina. Mit einem Doppelpack hatte Ronaldo seine Kritiker Lügen gestraft und endlich auch im Nationaltrikot für positive Schlagzeilen gesorgt. Zuvor war dem Real-Star immer wieder vorgeworfen worden, nur im Vereinstrikot zu brillieren.

    Erfolge

    Zweiter Platz EM 2004

    Dritter Platz WM 1966, EM 1984 und 2000

    06.06.2012
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