EM-Porträt - Portugal
Mit Fußball heraus aus der Tristesse
Portugiesische Fans
Abstimmung: Deutschland - Portugal: Wer gewinnt?
ZITAT
„...dass Ronaldo wegen der steilen Hänge zum Fußballgott wurde. Bei allen Dribbeleien führt er den Ball faszinierend nah am Fuß – wäre ihm auf Madeira der Ball weg gesprungen, wäre der verloren gewesen”Veronika Schmidt, Journalistin
Taktik, Stars, Stärken und Schwächen
Team
Ende gut, alles gut. So könnte das Fazit nach einer mühsamen Qualifikation lauten. Erst im Play-off-Rückspiel löste Portugal mit einem klaren 6:2 über Bosnien-Herzegowina das Ticket zur EM-Endrunde.
Paulo Bento, der den glücklosen Carlos Queiroz im September 2010 beerbte, zeigte sich im Anschluss mutig: Er suspendierte Ricardo Carvalho, nachdem der eigenmächtig ein Trainingslager verlassen hatte, und Jose Bosingwa, weil der den Coach öffentlich kritisiert hatte. Dem Trainer sind Ruhe und Disziplin in der Gruppe wichtig. Die Erwartungshaltung an das Team ist hoch, der Kredit bei den Fans könnte in der "Todesgruppe" schnell aufgebraucht sein.
Taktik
Attraktiver Kombinationsfußball technisch gut ausgebildeter und ballsicherer Spieler charaktisiert den portugiesischen Fußball. Doch Paulo Bento verlangt wesentlich mehr Ordnung von seinen Spielern, auf und außerhalb des Platzes. Er installierte in der Nationalmannschaft ein pragmatisches, auf die Stärken der Außenstürmer fixiertes 4-3-3.
Eckpfeiler des Teams sind die Ausnahmekünstler Nani und Ronaldo. Die
weltbekannten Dribbler sind Dreh- und Angelpunkt aller Angriffsbemühungen. Beide
können im 4-3-3-System ihre Stärken voll und ganz ausspielen: Sie sind weit entfernt
von klassischen Außenstürmern, die an die Grundlinie gehen. Stattdessen wählen sie
oft und gerne mit ihren Dribblings den direkten Weg Richtung Tor. In vielen
Situationen agieren die Beiden daher zentral, für die Breite im System sind die
aufrückenden Außenverteidiger zuständig.
Stärken
Wenn Ronaldo und Nani im gegnerischen Drittel im Halbfeld ungestört den Ball
haben, können sie zu ihren gefürchteten Fernschüsse ansetzen. Portugal hat in der
Qualifikation fast 40% ihrer Treffer von außerhalb des Sechszehners erzielt – eine
exorbitant hohe Quote, die im europäischen Klubfußball so gut wie kein Team erreicht.
Neben den erwähnten Dribbelkünstlern tut sich zudem Raul Meireles mit seinem
harten Schuss hervor. Gegner der Iberer werden darauf achten müssen, im eigenen
Drittel nie mehr als einen Meter Abstand zu den Scharfschützen zu lassen. Gerade
zweite Bälle nach Ecken und Freistößen sind ein gefundenes Fressen für die
Portugiesen.
Nach Flanken ist Portugal nämlich mittlerweile extrem gefährlich: Acht der 23 unter Bento erzielten Tore fielen direkt nach Hereingaben. Trotzdem ist dies eher als eine Erweiterung der Strategie zu sehen; Pässe auf Ronaldo und Nani sind im Spielaufbau noch immer die erste Wahl.
Schwächen
Die Strategie der Fütterung der Außenstürmer klingt auf dem Papier leicht: Ball
gewinnen, Pass zu Ronaldo / Nani, fertig. In der Praxis ist es jedoch alles andere als
simpel, denn den Portugiesen fehlt ein starker Passspieler im Mittelfeld. Nicht dass
Bento keine ordentlichen Alternativen zur Verfügung hätte – mit Moutinho (FC Porto)
und Raul Meireles (FC Chelsea) bietet Portugals Kader zwei Achter von
internationalem Format. Das Problem: Beide leben von ihrer Dynamik und ihrem
Passspiel bei Kontern. Einen wirklichen Kreativspieler auf der Sechs oder Acht, der tief
stehende Abwehrreihen öffnen kann, haben die Portugiesen nicht.
Die mangelnde Kreativität im Mittelfeld wiegt bei einer Betrachtung der Abwehrspieler
umso schwerer. Moderne, spielmachende Innenverteidiger gibt der Kader nämlich
nicht her. Pepe und Alves gehören unbestritten zu den zweikampfstärksten Akteuren
im gesamten Wettbewerb, allerdings sind sie meilenweit vom spielerischen Niveau
eines Hummels oder Pique entfernt. Weder das Mittelfeld noch die Abwehr bieten
kreative Lösungen, wie der Ball zu den Außenspielern kommen kann.
Besonderes
Portugal ist der lebende Beweis, wie wichtig Taktik im modernen Fußball ist. Wer sich
die individuelle Fähigkeiten der Mannschaft anschaut, müsste ihnen eigentlich eine
Favoritenrolle im Turnier zugestehen. Laut Transfermarkt.de ist der Marktwert ihrer
ersten Elf (260 Mio. €) nur unwesentlich kleiner als der von Deutschland (knapp 300
Mio. €), nur Spanien ist weit voraus (knapp 400 Mio. €). Gerade auf den
Flügelpositionen sind sie mit Ronaldo, Nani und Edeljoker Quaresma exzellent besetzt,
aber auch sonst spielen alle Stammspieler bei europäischen Top-Klubs.
Superstar
An seinem 27. Geburtstag pflegte Cristiano Ronaldo wieder einmal das Image des abgehobenen Superstars. Exakt 125 Tage vor dem EM-Duell in Lwiw gegen Deutschland machte sich der Superstar des spanischen Fußball-Rekordmeisters Real Madrid selbst das schönste Geschenk. "CR7" leistete sich einen Lamborghini Aventador LP 700-4 - eine 340.000-Euro-teure limitierte Luxus-Auflage des italienischen Automobilherstellers.
Damit dürfte es in der heimischen Garage des Weltfußballers von 2008 bald Platzprobleme geben. Schließlich nennt der teuerste Spieler Welt (94 Millionen Euro) mittlerweile zwölf Autos sein Eigen. Darunter sind unter anderem zwei Bentleys, vier Audis, ein Aston Martin und ein Maserati.
Trotz dieser und zahlreicher anderer Star-Allüren hat Ronaldo, der in seiner Freizeit am liebsten im eigenen Garten arbeitet, durchaus eine liebenswerte Seite. Ein kleinen Teil seines Gehalts von zwölf Millionen Euro spendet der im Armenviertel von Madeira aufgewachsene Profi für soziale Projekte.
Um sich auch als Fußballer in die Herzen der Fans zu spielen, muss Ronaldo öfter so auftreten wie beim 6:2 im Play-off gegen Bosnien-Herzegowina. Mit einem Doppelpack hatte Ronaldo seine Kritiker Lügen gestraft und endlich auch im Nationaltrikot für positive Schlagzeilen gesorgt. Zuvor war dem Real-Star immer wieder vorgeworfen worden, nur im Vereinstrikot zu brillieren.
Erfolge
Zweiter Platz EM 2004
Dritter Platz WM 1966, EM 1984 und 2000



