Michael Ballack als TV-Experte
Deutscher Fußball-Fachmann im Soccer-Land
von Heiko OldörpSoccer ist in den USA Randsport-Art. Deshalb hat sich der amerikanische Sender ESPN für die Übertragungen der Fußball-EM Michael Ballack als Experten aus Deutschland einfliegen lassen. Der "Capitano" hat Spaß an seinem Engagement - auch wenn die Arbeitszeiten für ihn gewöhnungsbedürftig sind.Der Anzug sitzt, die Haare liegen, die Show kann beginnen. Im Hintergrund des ESPN-Studios in Bristol/Connecticut ertönt die Titelmusik der Übertragung von der Fußball-Europameisterschaft, in der Mitte sitzen Moderator Bob Ley sowie seine Experten Michael Ballack und Alexi Lalas am Tisch und schauen Richtung Führungs-Kamera. Für Ley und Lalas ist das längst "business as usual", sie bringen den Amerikanern seit Jahren die großen Fußball-Turniere in die Wohnzimmer und Sportbars. Ballack hingegen erlebt mit der EM seine Experten-Premiere.Deutsch denken und Englisch sprechenAls Amerikas Sportsender Nummer eins vor einigen Monaten an ihn herantrat und den Job offerierte, habe er es als interessant und spannend empfunden, sagt der 35-Jährige. Und dennoch musste Ballack einige Zeit überlegen. Deutsch denken und zugleich Englisch sprechen - und zwar vor laufender Kamera - ist schließlich eine Herausforderung. “Am Anfang musste ich mich schon umstellen und konzentrieren”, sagt Ballack. Aber von Tag zu Tag werde es einfacher. Sein Arbeitstag beginnt gegen 12 Uhr. Dann gibt's im ESPN Digital-Center die erste Konferenz. Produzenten, Assistenten, Moderatoren und Kommentatoren - alle sitzen um den großen, viereckigen Tisch, werten die Sendungen des Vortages aus und schauen auf die in zweieinhalb Stunden beginnende Show. Mitten drin, Michael Ballack. Dass er über Football spricht, während alle Amerikaner um ihn herum von Soccer reden, stört niemanden. Sein deutscher Akzent wird als angenehm empfunden und jemanden mit einer Vita wie er, hatten sie ohnehin seit zwei Jahren nicht mehr. Damals war Jürgen Klinsmann der ESPN-Experte bei der WM in Südafrika.Acht- bis Neun-Stunden-TagVorschau, Halbzeit-Analyse, Nachbetrachtung und anschließend noch ein paar Highlight-Shows - acht bis neun Stunden sitzt Ballack vor der Kamera oder den TV-Geräten. “Soviel Arbeit ist man als Fußballer gar nicht gewohnt”, sagt Ballack und lacht. Bei den vergangenen drei Europameisterschaften stand er auf dem Feld und fühlt sich auch jetzt noch “sehr nahe dran” an der Nationalmannschaft. Er sei schließlich noch nicht so lange weg vom Team, könne sich gut in die Spieler hineinversetzen und wisse, welchen Druck und welche Erwartungshaltung eine EM mit sich bringe. “Allerdings verlangt es der Job natürlich auch, dass ich kritisch bin und Dinge anspreche, die ich vielleicht als Spieler selber nicht so gerne gehört habe”, so Ballack. Er ist keiner, der draufhaut oder schreit, sondern analysiert besonnen, in kurzen, knappen Sätzen. Sein Ziel ist “ein Niveau, das verträglich ist und anständig sein sollte.” Das Wichtigste sei es für ihn, objektiv zu urteilen. Ob das für einen 98-maligen Nationalspieler so einfach ist, wenn’s um das einstige Team geht, wird sich erst in den kommenden Partien zeigen. Denn bislang bot die deutsche Mannschaft Ballack, dem immer mal wieder ein “wir” rausrutscht, wenn er über die DFB-Elf spricht, kaum Angriffsflächen. “Mit neun Punkten haben wir in der Vorrunde unser Soll mehr als erfüllt. Die Leistungen waren gut und gegen Holland sogar sehr gut”, betont Ballack. Allerdings werde das Spiel kommen, das auf dem Weg zum Titel schwer werde und da müsse man dann bereit sein.Hartes Stück Arbeit bis zum EndspielIn der internen ESPN-Tipprunde hatte sich Ballack vor Turnierbeginn auf einen deutschen 3:1-Finalsieg gegen Frankreich festgelegt. Mittlerweile sieht er jedoch die Portugiesen als möglichen Endsppiel-Gegner. “Die machen neben Deutschland derzeit den stärksten Eindruck.” Ballack warnt jedoch davor, bereits zu sehr ans Finale zu denken. Das sei der eigenen Mannschaft sowie den anderen Teams gegenüber unfair. “Es steckt noch ein hartes Stück Arbeit vor uns, bis wir im Endspiel stehen.”
20.06.2012



