Olympia - Leichtathletik
Gatlin: Olympiasieg, Dopingsperre, Olympiasieg?
Die USA gelten als führende Sprint-Nation. Doch seit vier Jahren läuft vor allem Usain Bolt ihnen davon. In London setzen die Amerikaner auf ihren letzten Olympiasieger - Justin Gatlin. Der war lange wegen Dopings gesperrt - und Zweifel laufen immer noch mit. von Heiko OldörpJustin Gatlin ist wieder da - und mit dem Mund noch immer fast so schnell wie mit seinen Beinen. Als der 30-Jährige bei den US-Olympia-Ausscheidungen Ende Juni die 100 Meter gewann, ließ er nicht nur mit seiner persönlichen Bestzeit von 9,80 Sekunden aufhorchen, sondern auch die Muskeln spielen. “Ich habe einem Job zu erfüllen und dafür werde ich machen, was nötig ist. Egal ob ich 10,4 oder 9,4 Sekunden laufen muss”, tönte Gatlin. Es war eine Kampfansage an Jamaikas Superstar Usain Bolt. “Gatlin könnte Amerikas 100 Meter-Hoffnungen erhöhen”, frohlockte umgehend die Internetseite des Sport-TV-Senders ESPN.Gatlin ist das größte Ass der USA Auch wenn diese Schlagzeile patriotisch klingt, schneller als Gatlin waren in diesem Jahr nur Weltrekordhalter Bolt (9,76 und 9,79 Sekunden) sowie dessen Landsmann und Weltmeister Yohan Blake (9,75). Beide werden vernommen haben, das Gatlin nach seiner 9.80-Sekunden-Gala protzte, er habe noch “jede Menge mehr drauf.” Der Modell-Athlet aus Florida ist in London tatsächlich Amerikas größtes Ass im Kampf gegen die superschnellen Jamaikaner. Und er ist der bislang letzte Olympia-Champion der so erfolgsverwöhnten Sprintnation USA. 2004 gewann Gatlin in Athen im Alter von 22 Jahren Gold über die 100 Meter. Es war der 17. Olympiasieg eines US-Amerikaners über diese prestigeträchtige Strecke bei den Spielen der Neuzeit.Es folgten Weltmeistertitel über die 100 und 200 Meter ein Jahr später, die Einstellung des Weltrekordes von 9,77 Sekunden im Mai 2006 - und der Absturz. Gatlin wurde positiv auf Testosteron getestet. Als Wiederholungstäter drohte ihm eine lebenslange Sperre. Denn bereits 2001 war er des Amphetamin-Dopings überführt und für zwei Jahre gesperrt worden. Gatlin protestierte jedoch, begründete das Testergebnis damit, dass er seit seiner Kindheit Medikamente gegen seine Aufmerksamkeits-Störung nehme. Die Sperre wurde schließlich auf ein Jahr reduziert.Fans jubeln, Kritiker zweifeln Auch 2006 kam er glimpflich davon. Zwar mimte Gatlin zunächst den Unschuldigen, betonte, dass er “niemals wissentlich illegale Mittel genommen” habe. Letztlich einigte er sich jedoch mit der nationalen Anti Doping-Agentur USADA auf eine Zusammenarbeit und akzeptierte eine achtjährige Sperre, die später auf vier Jahre verkürzt wurde. 2010 gab Gatlin sein Comeback und gehört jetzt endgültig wieder zur Weltspitze. Dass er im Alter von 30 Jahren schneller läuft als bei seinem Olympiasieg und nur drei Hundertstel langsamer als beim aberkannten Weltrekord 2006, lässt Fans jubeln, Kritiker jedoch erstaunt die Stirn runzeln.“Nach vier Jahren Pause 9,80 Sekunden zu laufen ist verblüffend. Aber man tut dem Sport keinen Gefallen, wenn man Gatlins Vergangenheit vergisst”, schreibt Weldon Johnson auf “letsrun.com”. Gatlin wird zwar nicht mehr von Trevor Graham trainiert, jenem Coach, der in North Carolina jahrelang ein Doping-Zentrum um Stars wie Marion Jones und Tim Montgomery aufgebaut hatte und mittlerweile lebenslang gesperrt ist. Doch sein jetziger Trainer ist Dennis Mitchell, ebenfalls ein Graham-Zögling und bekannt geworden, durch eine der wohl skurilsten Ausreden der Doping-Geschichte.Fünf Flaschen Bier und viermal SexAls 1998 bei ihm ein erhöhter Testosteron-Wert festgestellt wurde, behauptete Mitchell allen Ernstes: “Ich hatte fünf Flaschen Bier und mindestens viermal Sex mit meiner Frau - es war ihr Geburtstag, sie hatte sich ein besonderes Vergnügen verdient.” Bei der USADA kam er damit durch, der Leichtathletik-Weltverband hingegen sperrte ihn für zwei Jahre. Später gab Mitchell vor Gericht an, von Graham mit dem menschlichem Wachstums-Hormon HGH gespritzt worden zu sein.Gatlin kennt all diese Fakten, entschloss sich dennoch zur Zusammenarbeit mit Mitchell. Das Thema Doping ist für ihn ohnehin Vergangenheit. “Ich schaue nicht zurück, sondern konzentriere mich auf das, was vor mir liegt.” Er verweist auf seine zahlreichen Tests, “sogar während meiner Sperre”, und betont, ein sauberer Athlet zu sein und dies auch bleiben zu wollen. Unterstütztung erfährt Gatlin von Nationaltrainer Andrew Valmon. “Justin hat seine Strafe verbüßt - und wir leben ja in einer Gesellschaft, die vergibt.”
13.07.2012



