Tour de France 2012 - Bilanz
Britisches Team erobert Frankreich
Team Sky
VideoVideo Paris
VideoVoigt: "Ich glaube Fränk Schleck"
Kontrolle, Stürze und neue Helden
von Jonathan SachseIn den britischen Medien wird der erste britische Sieg bei der Tour de France als der größte UK-Sporterfolg der Geschichte gefeiert. Sicher ist: Bradley Wiggins gewinnt verdient - aber ohne das große Spektakel. Die 99. Tour de France war ein sehr taktisches Rennen.Zwei Etappen müssen im Rückblick genannt werden. Auf dem 17. Streckenabschnitt im Schlussanstieg nach Peyragudes erhöhen Bradley Wiggins und sein Edelhelfer Christopher Froome das Tempo. Keiner der anderen Kapitäne kann mithalten. Froome schaltet drei Kilometer vor dem Ziel einen weiteren Gang höher, Wiggins verliert das Hinterrad. Mehrmals. Froome blickt sich um, gestikuliert und wartet.Wiggins widerlegt ZweiflerEine Diskussion begann. Ist Bradley Wiggins wirklich der stärkste Fahrer in seinem Team Sky? Zwei Tage später lieferte Wiggins die Antwort. Die 53,5 Kilometer Einzelzeitfahren gewann er mit fast einer Minute Vorsprung vor dem Zweitplatzierten – seinem Teamkollegen Froome.Der Matchplan von Sky ging damit auf: Auf den insgesamt 101 Zeitfahrkilometern sollte Wiggins seine maximale Leistung bringen. Die verbliebenen 3.396 Kilometer konnte er zur Verwaltung seines Vorsprungs nutzen. Gerade weil er "nicht der beste Kletterer im Peloton" sei – wie Wiggins meinte - reichte eine kontrollierte Fahrweise in den Bergen zum Toursieg. Insgesamt bot dadurch der Kampf um den ersten Platz in der Gesamtwertung wenig Abwechslung. Nur zwei verschiedene Fahrer trugen das Gelbe Trikot, neben Wiggins der Schweizer Cancellara für sieben Tage. Das gab es zuletzt 1999, als Lance Armstrong seine erste Grand Tour gewann.Greipel setzt deutsches AusrufezeichenDiese Dominanz kann das Team bei den kommenden Frankreichrundfahrten nicht eins zu eins übertragen, wenn die Bergetappen wieder prominenter das Streckenprofil bestimmen. Vielleicht wird das Team dann schon auf den besseren Bergfahrer Froome umstellen. Im Team BMC des Toursiegers 2011 erfolgte die Wachablösung bereits. Spätestens auf der letzten Etappe, als der junge Tejay Van Garderen im Zeitfahren seinen drei Minuten vor ihm gestarteten Kapitän überholte.Die deutschen Erfolge konzentrierten sich bei dieser Tour auf Andre Greipel, der mit einem starken Sprintzug gleich drei Etappen für sich entscheiden konnte. Da sein größter Herausforderer im Sky Team nicht bei allen Flachetappen auf die Unterstützung seines Teams bauen konnte, stieg Greipel zum besten Fahrer im Massensprint auf.Jubelmeister SaganMit mehr Show sprintete Peter Sagen. Die Jubelgesten des Slowaken sorgten im Peloton zum Teil für Spott. Alles "Neid", erwiderte Sagan und gewann drei Etappen. Ein weiterer Tour-Debütant sorgte bei seinem Ausreißersieg auf der 8. Etappe für die größten Emotionen: Als Thibaut Pinot, der jüngste Fahrer dieser Tour, die letzten Meter nach Porrentruy kämpfte, fiel Teammanager Marc Madiot bei seinen Anfeuerungsversuchen fast aus dem Auto. Paris erreichte er als Überraschungszehnter. Eine neue Hoffnung für Frankreichs Hunger nach einer Podiumsplatzierung.Auch in diesem Jahr forderte die Tour jede Menge Sturzopfer. In reinen Zahlen gemessen: Nur 153 von 198 gestarteten Fahrern werden Paris erreichen. Gleich zweistellige Ausfälle gab es auf der 6. Etappe. Auch die Deutschen Tony Martin und Marcel Kittel waren betroffen, mussten mit Verletzungen und Krankheit ohne Siegchancen aufgeben. Die Journalisten ebenfalls nicht alle Paris: Wegen Alkohol am Steuer und Fahrfehlern entzog die ASO gleich fünf Fahrern die Akkreditierung.Frust in LuxemburgOb diese Tour de France nun sauberer war oder gar der Sieger ohne medizinische Hilfsmittel das Gelbe Trikot erobert hat, bleibt eine Kaffeesatzleserei. In Frankreich wird die Tour immer weiter rollen, unabhängig von den Dopingmeldungen, die es 2012 gleich an beiden Ruhetagen gab. In Luxemburg sieht die Euphorie nach der positiven B-Probe von Frank Schleck schon gedämpfter aus. Der nationale Verband wird jetzt entscheiden, ob ein Nationalheld fällt. Im Gegenzug hat der Veranstalter in diesem Jahr einen Radsportmarkt weiter ausgebaut. Die Berichterstattung und die Fans in Großbritannien feierten ihre UK-Radprofis euphorisch."Die Tour ist menschlicher geworden. So wunderschön und magisch die 220 Kilometer Soloritte auch anzuschauen waren. Das ist nicht mehr realistisch", behauptet Bradley Wiggins. Möge der Toursieger 2012 sein Wort halten.
Die Sieger der Tour de France seit 2001
2001 Lance Armstrong (USA)
2002 Lance Armstrong (USA)
2003 Lance Armstrong (USA)
2004 Lance Armstrong (USA)
2005 Lance Armstrong (USA)
2006 Oscar Pereiro (Spanien)*
2007 Alberto Contador (Spanien)
2008 Carlos Sastre (Spanien)
2009 Alberto Contador (Spanien)
2010 Andy Schleck (Luxemburg) **
2011 Cadel Evans (Australien)
2012 Bradley Wiggins (Großbritannien)
* nach Disqualifikation von Floyd Landis (USA)
** nach Disqualifikation von Alberto Contador (SPA)
2001 Lance Armstrong (USA) 2002 Lance Armstrong (USA) 2003 Lance Armstrong (USA) 2004 Lance Armstrong (USA) 2005 Lance Armstrong (USA) 2006 Oscar Pereiro (Spanien)* 2007 Alberto Contador (Spanien) 2008 Carlos Sastre (Spanien) 2009 Alberto Contador (Spanien) 2010 Andy Schleck (Luxemburg) ** 2011 Cadel Evans (Australien) 2012 Bradley Wiggins (Großbritannien) * nach Disqualifikation von Floyd Landis (USA) ** nach Disqualifikation von Alberto Contador (SPA)
22.07.2012



