Olympia - Fechten
Eine Hundertstel, aus der 73 Minuten wurden
von Erik Eggers, LondonDer Halbfinalkampf im Damen-Degen zwischen Britta Heidemann und der Koreanerin Shin A-Lam dürfte seinen Platz in den Geschichtsbüchern sicher haben. Eine Chronik der 73 Minuten, in denen die letztlich unterlegene Asiatin gegen die Entscheidung protestierte.So was, sagt Sven Ressel, designierter Sportchef des Deutschen Fechter-Bundes (DFeB), "habe ich noch nie erlebt". Britta Heidemann hatte schon drei Angriffe gefahren in der dramatischen Schlussphase ihres Halbfinalkampfes im Degenfechten, und immer hatte ihre Gegnerin, die Südkoreanerin Shin A-Lam, ebenfalls getroffen. Aber Heidemann musste treffen, denn sie war passiver gewesen in diesem Kampf. Es ertönte ein letztes "Allez" der Obfrau Barbara Csar aus Österreich, Heidemann stürzte in die Koreanerin – und traf! Und damit begann das ganze Drama."Sehr verzwickt" Als Ressel versuchte, die Dinge zu erklären ("Das ist sehr verzwickt"), war schon über eine halbe Stunde nach dem letzten Treffer vergangen, die Koreanerin saß noch immer auf der Planche. Denn wenn sie aufgestanden wäre, hätte sie das Urteil anerkannt. So sind die Regeln des Fechtens.Was war passiert? Nach dem Treffer hatte der koreanische Coach sofort protestiert, aufgebracht wütend, aber nach einigen Minuten der Hektik hatte die Obfrau den Arm auf der Seite Heidemanns gehoben: Heidemann jubelte, ein zweites Mal, aber noch immer herrschte Aufregung. Über 20 Minuten debattierten wichtige Herren des Weltverbandes miteinander, betrachteten die Zeitlupen des letzten Stichs. Großes Theater. "Das ist nicht gut für das Fechten, wenn in einer solchen Situation lange diskutiert wird", sagte später Heidemann."Kein Problem der Athleten"Es ging um Frage, ob Heidemann vor dem "Allez" die Aktion begonnen hatte. Und um die Zeit – hier stellte sich heraus, dass der Stich in der Zeit gewesen sein musste. "Die Lampe kann nur aufleuchten, wenn die Aktion noch in der Zeit ist", erklärte Ressel. Angeblich hatte Heidemann ihren letzten Treffer eine Hundertstel vor dem Ablauf der Zeit gesetzt. Eine Hundertstel, aus der über eine Stunde wurde.Die Koreanerin weinte, mal stand sie fassungslos da, die Wasserflasche, die ihr eine Helferin brachte, nahm sie teilnahmslos entgegen. Heidemann war ebenfalls aufgebracht, sie bestand auf der Tatsachenentscheidung der Kampfrichterin. Dann, endlich, um 19:16 Uhr, exakt 28 Minuten nach der letzten Aktion, entschieden die Funktionäre: Heidemann hat gewonnen. Heidemann verließ die Planche. Die Koreanerin blieb stehen. Sie weinte wieder. Auch die Obfrau Csar, die nun die Arena verließ, weinte hemmungslos. "Es war kein Problem der Athleten", sagte Heidemann."Hier wird Geschichte geschrieben" Der letzte Akt des Dramas war aber immer noch nicht geschrieben. Nun legten die Koreaner Protest ein, alles den Regeln entsprechend, sagte der Hallensprecher in der ExCel-Arena. "Hier wird Geschichte geschrieben, und sie als Zuschauer sind ein Teil davon, bitte haben sie Geduld." Da war schon eine Stunde vergangen, die Koreanerin stand immer noch.Irgendwann brach der koreanische Trainer an der Bande zusammen, alle Proteste waren abgelehnt worden. Der Coach schrie seine Wut heraus. Ein Funktionär bat die Koreanerin, von der Planche zu gehen, aber sie weigerte sich. Die Fans jubelten ihr zu. Erst als ein paar Minuten später Funktionäre kamen und sie eindringlich baten, ging sie, sie weinte nun erneut hemmungslos. Sie hatte 73 Minuten auf der Planche ausgeharrt. Sie umarmte ihren Coach, dann ging sie, von den Fotografen gejagt.Shin ist die tragische FigurShin hatte dann keine zehn Minuten für den Kampf um Bronze gegen die Chinesi Sun Yujie. Als sie die Arena wieder betrat, wurde sie bejubelt wie ein Rockstar. Aber sie verlor, bekam kein Metall. "Es tut mir wirklich leid für sie", sagte Ressel. Die Olympischen Spiele haben eine weitere tragische Figur geschaffen.
30.07.2012



