Springreiten
Vertreibung aus dem Schlaraffenland
Marcus Ehning auf Plot Blue
von Andreas Morbach, LondonDeutschlands Springreiter waren schon unter ungünstigen Vorzeichen auf die britische Insel gereist – das vorzeitige Aus im olympischen Mannschaftswettbewerb gegen starke Konkurrenz hat die bösen Vorahnungen nun bestätigt.
Bundestrainer Otto Becker wollte sein Handy gar nicht mehr vom Ohr nehmen, als er am Sonntag um kurz nach halb drei unterhalb der Tribüne des olympischen Reitstadions stand. Der Chef der deutschen Springreiter fahndete nach der ersten Hälfte des olympischen Teamwettbewerbs intensiv nach Christian Ahlmann.
Tags zuvor war der Pferdewirt aus Marl nach indiskutablen 15 Fehlerpunkten im Einzel schon in der ersten Runde völlig überraschend ausgeschieden, zudem soll er seinen störrischen Hengst Codex One, nachdem der zwei Stangen gerissen und ein weiteres Hindernis verweigert hatte, mit der Gerte geschlagen haben. Und nun war der Mann, der im Einzel als 69. unter 75 Reitern furchtbar vorgeführt wurde, nicht zu erreichen.Trauriges QuartettDabei hätte nicht nur Bundestrainer Becker gerne ein paar Sätze gesprochen mit dem 37-Jährigen, der sich am Sonntag im Parcours mit vier Fehlerpunkten zwar fing, aber trotzdem mit dem Team vorzeitig ausschied: In einem traurigen Quartett mit Marcus Ehning auf Plot Blue (vier Fehlerpunkte), Janne Friederike Meyer mit Lambrasco (vier) und Meredith Michaels-Beerbaum (acht) mit der erst neunjährigen Stute Bella Donna.
Für die deutsche Equipe war es ein Schock, den ihr Boss aber kommen sah. „Ich habe in den letzten Tagen schon darüber nachgedacht, woran es liegen könnte. Jedenfalls müssen wir uns an die eigene Nase fassen“, murmelte Becker etwas ratlos – in dem Wissen, dass das böse Ende bereits einen Monat vor Olympia seinen Anfang genommen hatte.Seit Aachen der Wurm drin„Es fing schon in Aachen an“, meinte der Bundestrainer, dem beim CHIO in der Kaiserstadt Anfang Juli mit Carsten-Otto Nagel, Marco Kutscher und Ludger Beerbaum nacheinander drei Top-Reiter weggefallen waren. Die Hoffnung auf ein glimpfliches Ende bei den olympischen Wettkämpfen im Greenwich Park nahm Becker trotzdem mit auf die britische Insel. Ein Trugschluss, wie sich nun herausstellte. „Dieses Jahr war wirklich nicht das beste, das ist die bittere Realität“, sagte der geknickte Coach, der harte Zeiten auf die erfolgsverwöhnten deutschen Springreiter zukommen sieht.Ganz schwacher Trost„Was hier passiert ist, ist hart, aber nicht zu ändern. Es zeigt aber auch, dass die Zeit vorbei ist, wo alles leicht ging“, kommentierte der gelernte Winzer die Vertreibung aus dem Schlaraffenland nüchtern. Unter den 15 Mannschaften am Start rangierte das deutsche Quartett am Ende auf Platz zehn – und nur ein ganz schwacher Trost war es da, dass auch die favorisierte Equipe aus Frankreich als Zwölfte vorzeitig die Sättel in die Ecke stellen durfte.„Dieser Tag ist natürlich eine Enttäuschung, da brauche ich nicht drum herumreden“, nahm Becker den sportlichen Tiefschlag hüstelnd zur Kenntnis, lobte bei allem Wehklagen aber auch die starke Konkurrenz. Darunter die Überraschungs-Equipe aus Saudi-Arabien, die als Führende ins Finale ging. „Wir müssen einfach akzeptieren, dass die anderen besser waren“, meinte Becker, der zwischen seinen Statements immer wieder zum Handy griff.
Doch Christian Ahlmann blieb wie vom Erdboden verschluckt – und aktiv auftreten wird er im Greenwich Park bis zum Tag der Schlussfeier auch nicht mehr. Aber damit nicht genug: Wegen des angeblichen Gertenschlags gegen „Codex One“ am Samstag gingen auf Ahlmanns Homepage zudem entrüstete Pferdeschützer auf die Barrikaden.Schmallippiger Bundestrainer„So weit ich weiß, gab es von der Jury keine Beanstandungen. Mehr hab’ ich dazu nicht zu sagen“, kommentierte Otto Becker den Vorfall schmallippig. Der Mann hat schließlich andere Sorgen: Am Mittwoch steht die Entscheidung im Einzel auf dem Programm – und man darf gespannt sein, welche Spuren der Schock vom Sonntag bei seinen Reitern hinterlassen hat.„In den letzten Jahren hatten wir immer Glück, aber diesmal fing es schon mit den Ausfällen im Vorfeld an“, sagte die 31-jährige Janne-Friederike Meyer. Für die Tage bis Mittwoch gibt sie sich optimistisch: „Klar sind wir enttäuscht, aber wir sollten uns jetzt nicht runterziehen lassen. Immerhin sind drei von uns noch im Einzel.“
Bundestrainer Otto Becker wollte sein Handy gar nicht mehr vom Ohr nehmen, als er am Sonntag um kurz nach halb drei unterhalb der Tribüne des olympischen Reitstadions stand. Der Chef der deutschen Springreiter fahndete nach der ersten Hälfte des olympischen Teamwettbewerbs intensiv nach Christian Ahlmann.
Otto Becker
Quelle: dpa
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ZITAT
„Was hier passiert ist, ist hart, aber nicht zu ändern. Es zeigt aber auch, dass die Zeit vorbei ist, wo alles leicht ging”Otto Becker
Christian Ahlmann auf Codex One
Quelle: dpa
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06.08.2012



