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Staatenlose Olympia-Athleten

Das eigene Land im Herzen

  • Guor Marial bei den Olympischen Spielen
  • Bilderserie Bild für Bild ein Stück Olympia
  • Marial / Quelle: imago

    Guor Marial

    (10.08.2012 Quelle: imago)
    BilderserieBild für Bild ein Stück Olympia
    Jacques Rogge (BEL) IOC Präsident / Quelle: imago
    (10.08.2012)
    von Oliver Trust, London

    Guor Marial (28) ist einer von vier „staatenlosen“ Athleten, die bei Olympia in London starten. Der Südsudanese startet am Sonntag im Marathon der Männer. Die olympische Geschichte der „Independent Athlets“ aber ist lang und ihre Hintergründe höchst unterschiedlich.

    Guor Marial sitzt im Olympischen Dorf in Jeans und T-Shirt. Er sieht nicht aus wie die meisten der 10 000 Athleten aus 204 Ländern, die bei den Spielen 2012 um Medaillen kämpfen und die Team-Anzüge ihrer Länder tragen, selbst, wenn sie einen Ausflug in die Stadt unternehmen. „Die anderen fragen mich, woher ich komme. Das fühlt sich sehr einsam an. Aber ich weiß, die ganze Welt hat geholfen, dass ich hier sein kann. Also laufe ich für alle, für die USA, wo ich wohne und für mein Land“, sagt Marial.

    ZITAT
    Jetzt starte ich für mich selbst. Das ist verrückt und eigentlich ein bisschen blöd
    Staatenlose Philipine van Aanholdt

    Kein eigenes Olympisches Komitee

    Liemarvin Bonevacia, ein 400-Meter-Läufer, Reginaldt de Windt, ein Judoka und die Seglerin Philipine van Aanholdt sind wie Marial in London als „Staatenlosen“ am Start. Während der Langstreckenläufer als anerkannter Flüchtling in den USA lebt, kommt das Trio von den niederländischen Antillen. Die Inseln Curacao und St. Maarten sind seit 2010 unabhängig und haben kein anerkanntes Olympisches Komitee.

    Hintergrund

    Staatenlose

    Wie der Südsudan besitzen manche Staaten (noch) kein eigenes olympisches Komitee oder die Anerkennung durch das IOC steht aus. Wenn „Independet Athlets“ an olympischen Spielen teilnehmen, dann unter der olympischen Flagge (fünf Olympische Ringe auf weißem Grund), sollten sie Gold-Medaillen gewinnen, wird die olympische Hymne gespielt.

    Die Athleten mussten sich entscheiden, entweder „staatenlos“ starten oder sich den Niederlanden anzuschließen. Im Team der Niederländer wären die Qualifikationskriterien höher als in ihrer exotischen Heimat. „Jetzt starte ich für mich selbst. Das ist verrückt und eigentlich ein bisschen blöd“, sagt Van Aanholdt. Freunde hätten ihr schon vorgeschlagen, bei einem Medaillengewinn lieber Musik der Popband „Red Hot Chilli Peppers“ zu beantragen, statt der Olympia-Hymne.

    unabhängige Athleten in Sydney / Quelle: imago

    Individual Olympic Athletes
    Quelle: imago

    Ein Scherz, der kaum widerspiegelt, warum der Großteil der „Independent Athlets“ ohne Landesflagge antritt. Bei den Winterspielen von Albertville. Damals traten die ehemaligen Sowjetrepubliken Russland, Ukraine, Kasachstan, Weißrussland, Usbekistan und Armenien als „Unabhängige an.

     

    Medaillen sind rar 

    2000 in Sydney waren vier Athleten aus Ost-Timor am Start. 1992 gar 58 aus dem ehemaligen Jugoslawien und Mazedonien. Ihre drei Medaillengewinne waren die ersten und bisher einzigen der besonderen Athleten. Eine goldene war nicht dabei. Der Südsudan, die Heimat des Läufers Marial ist seit 2011 unabhängig. Ein Olympisches Komitee gibt es keines.

     

    Im über zwanzig Jahre dauernden Bürgerkrieg verlor er acht seiner zehn Schwestern und Brüder, die wie er der christlichen Minderheit angehörten. Er  wurde verschleppt, musste bei marodierenden Banden Ziegen hüten. Er wurde von einem sudanesischen Offizier als Sklave gehalten. Wieder konnte er nach seinem Martyrium fliehen. Leid und Not machten ihn zu einem ausdauernden Läufer. „In meiner Jugend wurde unser Dorf immer wieder überfallen. Ich bin um mein Leben gelaufen und habe Laufen gehasst“, sagt er. Der Bürgerkrieg zwischen Christen und Muslimen kostete rund zwei Millionen Menschen das Leben.

    ZITAT
    Jetzt bin ich hier und sehe die Flaggen an den Häusern der anderen. Ich habe mein Land in meinem Herzen
    Guor Marial aus dem Südsudan

    USA haben geholfen

    Marial schaffte es in die USA. Dort bekam er ein Stipendium an der State University of Iowa und lief für das Uni-Team. Brad Poore, ein US-Anwalt britischer Herkunft half mit intensiver Lobbyarbeit bei Politikern und Medien, die nötigen Visa und die Olympia-Akkreditierung beim Internationalen Olympischen Komitee zu besorgen. „Erst als ich erfahren habe, ich darf starten, habe ich angefangen wie ein Olympionike zu trainieren. Jetzt bin ich hier und sehe die Flaggen an den Häusern der anderen. Ich habe mein Land in meinem Herzen“, so Marial.

    Eine Medaille wird er kaum gewinnen, seine Zeit liegt einige Sekunden hinter der Weltspitze. „Ich bin aus einem anderen Grund hier. Es ist die Botschaft der Hoffnung“, sagt der Chemiestudent. Marial, der in einem Heim für geistig Behinderte in den USA arbeitet, hatte nicht mal neue Lauf-Schuhe für den Olympiastart. Inzwischen hat er welche im Internet gekauft. „Für 100 Dollar“, sagt er.

    11.08.2012
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