Deutsche Olympia-Bilanz
Geld gleich Gold?
InfografikDeutsche Medaillenausbeute seit 1992
InfografikMedaillenausbeute und Starter seit 1992
von Maik RosnerDie London-Bilanz des deutschen Sports hat eine Debatte um das Fördersystem ausgelöst. Die Gründe für die immer selteneren Olympiasiege sehen die meisten Athleten und Funktionäre in der fehlenden Unterstützung. Doch es gibt vielleicht auch eine gute Nachricht.Zwei Medaillen hatten die Kanuten gerade gewonnen, zwei goldene gar, und das binnen einer Stunde. Viele hübsche Bilder gab es nun zu bestaunen, als Peter Kretschmer und Kurt Kuschela sowie wenig später Franziska Weber und Tina Dietze sich in den Armen lagen und um die Wette strahlten. Siege am Fließband, so hätte es gerne häufiger laufen können bei den Olympischen Spielen nach Ansicht von Fans, Funktionären, Medien und natürlich Athleten und Trainern.Auch Michael Vesper teilte diesen Wunsch. Doch jetzt musste der Chef de Mission mit dem Blick auf den Dorney Lake bei aller Freude an das große Ganze denken. Und das kam in London ja eher überschaubar daher im Vergleich zu jenem Donnerstag, als Vesper Augenzeuge der deutschen Stunde bei Olympia wurde und am Abend die Beachvolleyballer Jonas Reckermann und Julius Brink noch das dritte Gold des Tages gewannen.Das Modell Kanu
„Man sollte nicht so tun, als könnte man das Modell Kanu auf jeden Sport übertragen. Aber von der Erfolgsorientierung kann man lernen“, sagte der Generaldirektor des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) also am erfolgreichsten Olympia-Tag aus deutscher Sicht. Vesper lobte den Deutschen Kanu-Verband (DKV) dafür, dass dieser großen Wert darauf lege, seine Athleten an möglichst wenigen Stützpunkten zusammen zu ziehen, sie viel gemeinsam trainieren lasse und junge Talente gezielt heranführe. Alle fünf Sieger der Kanuten nahmen zum ersten Mal an Olympia teil. Acht Medaillen hatte der DKV insgesamt gewonnen, davon drei in Gold. Es war die beste Bilanz aller deutschen Verbände.Elfmal Gold, 19 mal Silber und 14 mal Bronze, das war die Gesamtbilanz bei diesen Spielen. Weniger Gold gab es zuletzt 1964. Wer es positiv sehen wollte, wie DOSB-Präsident Thomas Bach, konnte auf die Gesamtzahl der Medaillen verweisen. 44 waren es nun, drei mehr als in Peking. Erstmals seit 1992 wurde der rückläufige Trend damit nicht bestätigt.Vor 20 Jahren gab es noch 33 mal Gold
Doch die fehlenden Goldmedaillen (vor vier Jahren waren es noch 16) deuteten an, dass der Trend eher nicht gestoppt wurde. „Silber ist das neue Gold“, stellte die
viermalige Kanu-Olympiasiegerin Katrin Wagner-Augustin fest. Mehr Silber hatte es zuletzt 1992 gegeben. Die deutsche Mannschaft belegte damals auch dank der ehemaligen DDR-Athleten Platz drei im Medaillenspiegel. Insgesamt kamen vor 20 Jahren 82 Medaillen zusammen, davon 33 mal Gold – dreimal so viele wie nun in London.Die Fechterin Imke Duplitzer hatte vor Beginn der Spiele strukturelle Defizite im deutschen Sport pointiert beklagt. Längst haben sich die Stimmen gemehrt, die kritisch hinterfragen, ob die Bilanz mit dem deutschen Sportsystem begründet werden kann. Auffällig dabei, dass sich vor allem die erfolgreichen Athleten äußerten. Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel zum Beispiel.Bach kündigt „umfassende Überprüfung“ an
„Wenn wir wollen, dass der deutsche Sport in den nächsten Jahren erfolgreich ist, müssen wir mehr investieren“, sagte der Goldgewinner im Einer-Canadier. Diskus-Olympiasieger Robert Harting befand: „Wir vergleichen uns in der Wirtschaft mit sämtlichen Ländern, wir sind für den Euro immens wichtig, und wir setzen politisch Maßstäbe. Warum sollen wir uns nur in der Sportförderung nicht mit anderen vergleichen dürfen?“ Bahnradsprinter Maximilian Levy, mit Silber und Bronze in London dekoriert, sagte, man sei „von der Förderung her hoffnungslos unterlegen“, im ganzen deutschen Sportsystem müsse sich etwas grundlegend ändern. „Die Frage ist doch: Will die Gesellschaft sportlichen Erfolg oder nur Fußball und Formel 1 gucken?“Die Bilanz-Debatte dreht sich gerade vor allem um den Vergleich zwischen Vorgaben und Ergebnissen – und ums Geld. Nachdem der DOSB gerichtlich verpflichtet wurde, die sogenannten „Zielvereinbarungen“ zu veröffentlichen, lenkte Bach nun auch inhaltlich ein. Der IOC-Vizepräsident kündigte nicht nur an, den Begriff in „Fördervereinbarungen“ umzubenennen, sondern auch eine „umfassende Überprüfung des Fördersystems“.Manchmal entscheiden auch Tagesform und PechGemein haben die meisten Verbände wohl tatsächlich vor allem, dass sie sich finanziell im Nachteil sehen gegenüber anderen Nationen. Das vergleichweise geringe Budget schlägt sich in allen Bereichen nieder. Vor allem die Trainerausbildung und -bezahlung wird von vielen als unzureichend eingestuft. Auch die Verdienstmöglichkeiten der Athleten werden kritisiert, die Gehälter sollen einer Studie von 2010 zufolge unter dem Schnitt der Gesamtbevölkerung liegen - bei höherem zeitlichen Aufwand.Das hatte Duplitzer bereits vor den Spielen angemerkt. Doch es bedarf wohl auch einer Detailanalyse. Denn so unterschiedlich die Erfolge und Misserfolge in den einzelnen Sportarten ausfielen, so vielschichtig sind dafür neben den finanziellen Rahmenbedingungen auch die Gründe. Und manchmal entschieden auch schlicht Tagesform und Pech über das Abschneiden. Säbelfechter Nicolas Limbach beispielsweise war als Weltranglistenerster die größte Hoffnung seines Verbandes auf Gold, im Viertelfinale schied er aus. Geher André Höhne verbesserte seine Zeit über die 50 Kilometer im Vergleich zu Peking um fünfeinhalb Minuten. Damals wurde er Zwölfter, nun Elfter. „Vor ein paar Jahren hätte ich mit so einer Zeit noch eine Medaille gewinnen können“, sagte der Berliner.Vorwürfe aus dem Doping-Milieu
Unabhängig vom deutschen Sport fiel in den Tagen, als Bilanz gezogen wurde, auch noch eine Aussage von Victor Conte auf, Drahtzieher im Dopingskandal um das Unternehmen Balco aus Kalifornien, das systematisch Sportler quer durch die Disziplinen und Nationen mit leistungssteigernden Substanzen versorgt hatte. Das Anti-Doping-Programm in London sei „Propaganda“ gewesen, „sie müssten die Angel auswerfen, wenn die Fische beißen“, sagte Conte nun. Es sei nach wie vor einfach vorab zu dopen und davon während Olympia zu profitieren.Wer wollte, konnte es auch als gutes Zeichen werten, dass die deutsche Mannschaft diesmal beispielsweise im Gewichtheben und Schwimmen so gut wie leer ausging. In Sportarten also, die als besonders dopingbelastet gelten.
13.08.2012
„Man sollte nicht so tun, als könnte man das Modell Kanu auf jeden Sport übertragen. Aber von der Erfolgsorientierung kann man lernen“, sagte der Generaldirektor des
Michael Vesper
Quelle: dpa
Quelle: dpa
Doch die fehlenden Goldmedaillen (vor vier Jahren waren es noch 16) deuteten an, dass der Trend eher nicht gestoppt wurde. „Silber ist das neue Gold“, stellte die
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„„Silber ist das neue Gold“”Katrin Wagner-Augustin
„Wenn wir wollen, dass der deutsche Sport in den nächsten Jahren erfolgreich ist, müssen wir mehr investieren“, sagte der Goldgewinner im Einer-Canadier. Diskus-Olympiasieger Robert Harting befand: „Wir vergleichen uns in der Wirtschaft mit sämtlichen Ländern, wir sind für den Euro immens wichtig, und wir setzen politisch Maßstäbe. Warum sollen wir uns nur in der Sportförderung nicht mit anderen vergleichen dürfen?“ Bahnradsprinter Maximilian Levy, mit Silber und Bronze in London dekoriert, sagte, man sei „von der Förderung her hoffnungslos unterlegen“, im ganzen deutschen Sportsystem müsse sich etwas grundlegend ändern. „Die Frage ist doch: Will die Gesellschaft sportlichen Erfolg oder nur Fußball und Formel 1 gucken?“Die Bilanz-Debatte dreht sich gerade vor allem um den Vergleich zwischen Vorgaben und Ergebnissen – und ums Geld. Nachdem der DOSB gerichtlich verpflichtet wurde, die sogenannten „Zielvereinbarungen“ zu veröffentlichen, lenkte Bach nun auch inhaltlich ein. Der IOC-Vizepräsident kündigte nicht nur an, den Begriff in „Fördervereinbarungen“ umzubenennen, sondern auch eine „umfassende Überprüfung des Fördersystems“.Manchmal entscheiden auch Tagesform und PechGemein haben die meisten Verbände wohl tatsächlich vor allem, dass sie sich finanziell im Nachteil sehen gegenüber anderen Nationen. Das vergleichweise geringe Budget schlägt sich in allen Bereichen nieder. Vor allem die Trainerausbildung und -bezahlung wird von vielen als unzureichend eingestuft. Auch die Verdienstmöglichkeiten der Athleten werden kritisiert, die Gehälter sollen einer Studie von 2010 zufolge unter dem Schnitt der Gesamtbevölkerung liegen - bei höherem zeitlichen Aufwand.Das hatte Duplitzer bereits vor den Spielen angemerkt. Doch es bedarf wohl auch einer Detailanalyse. Denn so unterschiedlich die Erfolge und Misserfolge in den einzelnen Sportarten ausfielen, so vielschichtig sind dafür neben den finanziellen Rahmenbedingungen auch die Gründe. Und manchmal entschieden auch schlicht Tagesform und Pech über das Abschneiden. Säbelfechter Nicolas Limbach beispielsweise war als Weltranglistenerster die größte Hoffnung seines Verbandes auf Gold, im Viertelfinale schied er aus. Geher André Höhne verbesserte seine Zeit über die 50 Kilometer im Vergleich zu Peking um fünfeinhalb Minuten. Damals wurde er Zwölfter, nun Elfter. „Vor ein paar Jahren hätte ich mit so einer Zeit noch eine Medaille gewinnen können“, sagte der Berliner.Vorwürfe aus dem Doping-Milieu
Unabhängig vom deutschen Sport fiel in den Tagen, als Bilanz gezogen wurde, auch noch eine Aussage von Victor Conte auf, Drahtzieher im Dopingskandal um das Unternehmen Balco aus Kalifornien, das systematisch Sportler quer durch die Disziplinen und Nationen mit leistungssteigernden Substanzen versorgt hatte. Das Anti-Doping-Programm in London sei „Propaganda“ gewesen, „sie müssten die Angel auswerfen, wenn die Fische beißen“, sagte Conte nun. Es sei nach wie vor einfach vorab zu dopen und davon während Olympia zu profitieren.Wer wollte, konnte es auch als gutes Zeichen werten, dass die deutsche Mannschaft diesmal beispielsweise im Gewichtheben und Schwimmen so gut wie leer ausging. In Sportarten also, die als besonders dopingbelastet gelten.



