Bayern München
Martinez-Transfer: Operation am gebrochenen Herzen
Javier Martinez im Trikot von Bilbao
von Maik RosnerDer bevorstehende Transfer des spanischen Nationalspielers Javier Martínez zeigt, mit welcher Vehemenz der angeschlagene FC Bayern die sportliche Vormachtstellung des BVB brechen möchte. Ganz nebenbei will man mit dem 23-jährigen Hochkaräter die letzten Betriebsunfälle im Handstreich vergessen machen. Trainer Jupp Heynckes dürfte nun als Moderator besonders gefragt sein. Er muss angesichts eines Überangebots im defensiven Mittelfeld seine Stars bei Laune halten. Uli Hoeneß grinste schelmisch, als er ihm noch einmal das Wort erteilt wurde, mit dem Hinweis, es sei an dem Präsidenten, die Ziele zu formulieren. Hoeneß gefiel das. Er ist geübt darin, hohe Ansprüche zu äußern, wenn es um seinen FC Bayern geht. Also sagte Hoeneß: „Wir wollen um die deutsche Meisterschaft mitspielen.“ Das sei aber kein Muss, sondern ein Kann.
Für Münchner Verhältnisse waren das geradezu zurückhaltende Töne am Donnerstag, und erklären ließ sich das kleine Fangnetz in der Zielstellung dadurch, dass Hoeneß gerade über die Basketballer sprach. Bei den Fußballer gelten derartige Einschränkungen nicht. Und deshalb bastelt der FC Bayern gerade auch am Königstransfer dieses Sommers. Durch diesen erhofft sich der Verein, die nationalen Kräfteverhältnisse wieder gerade zu rücken, nach zwei Meistertiteln in Folge für Borussia Dortmund.Kopfballstark, spielintelligent, technisch versiert, robust Javier Martínez heißt der Mann der Wahl, spanischer Nationalspieler von Athletic Bilbao, 23 Jahre alt, defensiver Mittelfeldakteur, Welt- und Europameister, 1,90 Meter groß, kopfballstark, spielintelligent, technisch versiert, robust. Sehr viele Qualitäten werden ihm zugeschrieben, und deshalb unterstreicht seine bevorstehende Verpflichtung auch das Anspruchsdenken der Münchner. 40 Millionen Euro Ablöse sind die Bayern nun doch bereit an Bilbao zu überweisen. Die sportliche Entscheidung sei gefallen, der Spanien-Kenner, Trainer Jupp Heynckes, und der neue Sportvorstand Matthias Sammer seien „überzeugt, dass er der Spieler ist, der unsere Probleme löst. Der Aufsichtsrat hat grünes Licht gegeben“, sagte Hoeneß, Vorsitzender dieses neunköpfigen Gremiums.Natürlich sei es „Wahnsinn, wenn ein Spieler, 20, 30, 35, 40 Millionen kostet. Aber wir haben hohe sportliche Ziele“, meinte der Präsident. Wirtschaftlich könne man sich das ohnehin leisten und müsse „für so einen Transfer nicht in die Kreditabteilung gehen“. Dadurch, dass Martínez bereit sein soll, im angestrebten Fünfjahresvertrag auf zwei Millionen Euro Gehalt per anno zu verzichten, „wäre die Summe ja nicht mehr ganz so schlimm“, befand Hoeneß. Die Transfersumme lässt sich durch die eingesparten zehn Millionen Euro Gage herunterrechnen, so sehen sie das jedenfalls beim FC Bayern.Stabilisator und ImpulsgeberEs ist eine Operation am gebrochenen Herzen, die die Münchner da gerade bei ihrer Mannschaft vornehmen nach den Enttäuschungen der Vorsaison. In allen Wettbewerben mussten sie sich ja mit Platz zwei begnügen, vor allem das dramatisch verlorene Finale der Champions League im eigenen Stadion wirkt nach. Und natürlich will der deutsche Branchenführer auch die neue sportliche Dominanz der Dortmunder brechen. Darum geht es sogar hauptsächlich, und ein bisschen auch nach dem Motto: Koste es, was es wolle.In Martínez glauben die Bayern nun gefunden zu haben, wonach sie noch gesucht haben. Auf der Sechser-Position im Zentrum, in der Herzkammer ihres Spiels, wollen sie einen Spiritus rector einbauen, der sowohl für defensive Stabilität sorgen als auch als Impulsgeber nach vorne wirken soll. Diese Qualitäten haben die Bayern zuletzt ganz offensichtlich vermisst und in der Offensive auch die Abhängigkeit von den Individualisten auf den Flügeln beklagt, von Arjen Robben und Franck Ribéry.Investitionen in Höhe von 70 Millionen EuroHinzu kommt, dass noch nicht gesichert ist, wann der körperlich und mental zuletzt angeschlagene Bastian Schweinsteiger wieder konstant auf Topniveau agieren kann. Die offensiven Mittelfeldspieler Toni Kroos und Thomas Müller sowie die defensiven Kollegen Luiz Gustavo und Anatoli Timoschtschuk werden sich um die verbliebenen Plätze rangeln. Heynckes‘ Moderationskünste dürften in der an diesem Wochenende mit dem DFB-Pokal beginnenden Saison sehr gefragt sein, denn ein kleines Misstrauensvotum gegen die übrige Belegschaft wäre der Transfer von Martínez ja auch.
Kommt dieser zustande, womit in Kürze zu rechnen ist, hätten die Münchner etwa 70 Millionen Euro für ihre dann insgesamt zehn neuen Profis ausgegeben, Nachwuchskräfte aus dem eigenen Klub inklusive. So viel, wie kein anderer deutscher Verein und nur etwa fünf Millionen Euro weniger als beim Rekord-Kaufrausch vor drei Jahren, als der Klub mit einem ähnlichen Reflex auf den verpassten Meistertitel reagierte und unter anderem Robben, Timoschtschuk und Mario Gomez verpflichtete, den bisherigen Rekordtransfer der Bundesliga mit gut 30 Millionen Euro. Denkbar, dass nach einer Verpflichtung von Martínez auch noch ein Spieler abgegeben wird.Der 33 Jahre alte Timoschtschuk gilt als erster Kandidat. Gesichert sind jedenfalls nun umso mehr die Ziele der Bayern, und zwar ohne Einschränkung. Uli Hoeneß muss sie gar nicht mehr formulieren.
16.08.2012
ZITAT
„Wahnsinn, wenn ein Spieler, 20, 30, 35, 40 Millionen kostet. Aber wir haben hohe sportliche Ziele”Uli Hoeneß
Mario Gomez
Quelle: dpa
Quelle: dpa



