Serie A
Hexenjagd und Sparprogramm
von Oliver Birkner Vor dem Start in die neue Saison am Samstag sorgt die Serie A bereits für reichlich Schlagzeilen. Während der Titelverteidiger offen gegen den Verband Krieg führt, zieht bei der Konkurrenz sportliche und finanzielle Vernunft ein.Sparprogamm, Sportprozess, Neubeginn, Polemiken: Unter diesen Vorzeichen startet die Serie A am Samstag in ihre neue Saison. Im Fokus steht dabei zweifelsohne Juventus Turin. Der Titelverteidiger investierte im Gegensatz zur bedächtigeren Konkurrenz rund 45 Millionen auf dem Transfermarkt, wurde parallel jedoch kräftig im laufenden Wettskandal durchgeschüttelt. Auch in zweiter Instanz bestätigte der Verband die zehnmonatige Sperre für Coach Antonio Conte, der somit die komplette Spielzeit auf der Bank fehlen wird.
Conte wurde für schuldig befunden, in Funktion als Siena-Trainer 2011 das Wissen um eine verschobene Partie nicht zur Anzeige gebracht zu haben. In letzter Instanz wird man nun vor dem Sportschiedsgericht in Berufung gehen und wirbelte im Vorfeld heftig Wind auf. "Die Sportgerichtsbarkeit des Verbandes ist eine Barbarei, oberflächlich und frei von demokratischem Sinn", polterte Präsident Andrea Agnelli und sprach von einer "Hexenjagd". Er vergaß dabei scheinbar, dass das vermeintliche Komplott-Gericht die Juve-Spieler Leonardo Bonucci und Simone Pepe am selben Tag freigesprochen hatte.Alle gegen Juventus und Juventus gegen alleDie Turiner delektieren sich also mal wieder an ihrem populistischen Schlachtruf: "Alle gegen Juventus und Juventus gegen alle". Bereits seit Monaten fordert der Rekordmeister die zwei im Manipulationsskandal 2006 aberkannten Meisterschaften zurück, schwadroniert von 30 Titeln und wollte sich dafür drei Sterne aufs neue Trikot nähen lassen. Der Verband schritt ein - so ließ man die Sterne komplett vom Dress, das jetzt trotzig den Aufdruck "30 auf dem Platz" ziert. Im Credo des Vereins verankert sich offenbar, ein Urteil habe stets im Sinne der Turiner auszufallen.Trotz des Krieges gegen den Verband und der Trainerverbannung auf die Tribüne bleibt Juve zumindest sportlich das Liga-Maß aller Dinge. Ein bereits formidables Gerüst, das auch bei den Azzurri während der Euro überzeugte, wurde mit dynamischen Neuzugängen wie Kwadwo Asamoah, Mauricio Isla (beide Udinese), Lucio (Inter) und Sebastian Giovinco (Parma) intelligent aufgerüstet. Das Mittelfeld um die kongenialen Andrea Pirlo und dem Ex-Leverkusener Arturo Vidal, schon in König Artur umgetauft, besitzt in der Serie A keine Konkurrenz. In der vergangenen Saison blieb der Rekordmeister in der Liga ungeschlagen, demnächst droht ein noch einsamerer Alleingang.
Ein 170-Millionen-Deal für MilanDenn die ersten Widersacher aus Mailand vollzogen nicht nur den notwendigen Umbruch, ihnen fehlen auch die finanziellen Mittel für eine Transfer-Gegenoffensive. Milan trennte sich von den altverdienten Senatoren Gattuso, Nesta, Seedorf, Zambrotta und Inzaghi und verlor nebenher Thiago Silva und Zlatan Ibrahimovic an den Marktprasser Paris St. Germain. „Meine Familie hat lange Zeit jedes Jahr rund 50 Millionen Euro in den Fußball gesteckt, in der aktuellen wirtschaftlichen Lage ist das nicht möglich. Champions wie in den letzten Jahren kann sich ein Entertainment-Unternehmen wie der AC Mailand nicht mehr erlauben", sagte Patron Silvio Berlusconi.Das Unternehmen konnte es sich zudem nicht erlauben, die generöse Offerte aus Paris abzulehnen abzulehnen. Kalkuliert man die Ablösesumme inklusive der für beide Spieler eingesparten Brutto-Gehälter, bedeutete der Deal ein Gewinngeschäft über 170 Millionen Euro. „Damit sind unsere Bilanzen über die kommenden drei bis vier Jahre im Reinen“, verriet Geschäftsführer Adriano Galliani und fügte hinzu: „Die Zeiten sind passé, in denen wir solche Offerten lächelnd ablehnten.“Präsidenten drehen den Geldhahn zuBeim Stadtnachbarn Inter drehte Präsident Massimo Moratti ebenfalls den persönlichen Geldhahn zu und setzte sich zur Eröffnung frischer Kapitalquellen eine chinesische Investorengruppe mit ins Boot des Aufsichtsrates - zudem soll eine Baufirma aus China in den nächsten vier Jahren ein neues, vereinseigenes Stadion errichten.Sportlich will man - wie der AC - den Kader mit Obacht aufs Financial Fairplay künftig sukzessive verjüngen. In Hinblick auf Bilanzbegradigung und Team-Umbau rief Moratti ein "Jahr null" aus, das für das Gros der Serie-A-Klubs gelten darf. Gerade den oft verschmähten jungen Eigengewächsen könnte das geräumigeren Platz bieten und durchaus eine Renaissance des Calcio hervor kitzeln.
24.08.2012
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„Die Sportgerichtsbarkeit des Verbandes ist eine Barbarei, oberflächlich und frei von demokratischem Sinn.”Andrea Agnelli
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„„Meine Familie hat lange Zeit jedes Jahr rund 50 Millionen Euro in den Fußball gesteckt. In der aktuellen wirtschaftlichen Lage ist das nicht möglich.”Silvio Berlusconi



