Bundesliga
HSV schon in der Abwärtsspirale
Endzeitstimmung am Volkspark
Noch sind erst drei Punkte vergeben – aber beim HSV geht bereits jetzt die Abstiegsangst um. Zu wenig Klasse für die Klasse – so die fast einhellige Meinung nach der Heimniederlage gegen den 1. FC Nürnberg. Kommt jetzt Rafael van der Vaart als Heilsbringer zurück? Ralf LorenzenEgal wie die Saison endet, ein Rekord ist dem HSV in seinem fünfzigsten Bundesliga-Jahr nicht mehr zu nehmen: So früh ist noch keinem Klub das Abstiegsgespenst erschienen. „Die nackte Angst“, „Zum HSV-Jubiläum gibt’s den Abstieg“ – das sind keine Schlagzeilen aus der Endphase der vergangenen Saison, als der HSV sich nur mit letzter Kraft auf Platz 15 rettete. Das sind die Schlagzeilen vom Montagmorgen nach dem ersten Spieltag der Jubiläumssaison.
HSV-Legende hat Angst
ZITAT
„Was am meisten erschreckte: Keinem Profi war das Engagement abzusprechen”Hamburger Morgenpost
In der Soziologie gibt es den Begriff der „Sich selbst erfüllenden Prophezeiung“ – für den lieferten die Hamburger mit ihrer Leistung gegen Nürnberg ein Paradebeispiel ab. Behäbig und planlos traten sie den ebenfalls schwachen Nürnbergern entgegen. Als wenn die längste Sommerpause der Bundesliga-Geschichte nicht gereicht hätte, ein konkurrenzfähiges Spielsystem einzuüben.
Durchhalteparolen und Klartext
„Was am meisten erschreckte: Keinem Profi war das Engagement abzusprechen. Alle wollten. Sie können es als Mannschaft nur eben nicht besser“, schreibt die Morgenpost. Während die Aussagen von Trainer Thorsten Fink schon jetzt wie Durchhalteparolen klingen("Ich werde nicht müde, an die Mannschaft zu glauben") legt zumindest Mittelfeldspieler Marcell Jansen den Finger in die Wunde.
„Das zieht sich nun schon seit zwei Jahren wie ein roter Faden durch den HSV, wir schaffen keine Weiterentwicklung, obwohl der HSV im Etatbereich an sechster Stelle der Liga liegt“, sagte Jansen. „Mannschaften wie Nürnberg und Freiburg machen es uns vor, und das kann es doch nicht sein.“ Deutlicher kann man die sportliche Leitung eines Klubs nicht kritisieren.
Abwärtsspirale seit drei JahrenJansen hätte in seiner Analyse noch ein Jahr weiter zurückgehen können. Seit 2009 kurz hintereinander Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer und Trainer Martin Jol den Klub verließen, stolpert der HSV von einer Verlegenheit in die nächste. Trainerwechsel am laufenden Band, monatelanges Vakuum in der sportlichen Leitung, dazu die öffentliche Machtkämpfe in Vorstand und Aufsichtsrat haben eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, die möglicherweise erst in Liga 2 endet.
Dabei haben sich einige Vorzeichen durchaus ins Positive verändert. In den Machtzentren ist es zumindest öffentlich so ruhig wie lange nicht und mit Frank Arnesen wurde vor der letzten Saison ein Sportdirektor verpflichtet, der den nötigen Umbruch glaubwürdig zu verkörpern schien: weg von teuren Altstars, hin zu hungrigen Jungprofis.
Umbruch ohne Qualität
Frank Arnesen
„Ich arbeite in alle Richtungen”
Alle verfügbare Resthoffnung ruht nun auf Verstärkungen, die bis Ende der Transferperiode Ende der Woche kommen sollen. „Ich arbeite in alle Richtungen“, sagt Sportdirektor Arnesen. Erkennbar sind vor allem zwei Richtungen: nach vorne und nach hinten. Vorwärtsgewandt wäre die Verpflichtung des tschechischen Nationalspieler Petr Jiracek vom VfL Wolfsburg, der Presseberichten zufolge zum Medizincheck in die Hansestadt kommen soll.Rückkehr zum Starkult
Ein Schritt zurück wäre dagegen die Rückkehr von Rafael van der Vaart, der in Hamburg fast wie ein Heilsbringer verehrt wird. Seine Verpflichtung wäre nicht nur eine Rückkehr zum Starkult, der gerade überwunden schien. Sie würde auch nur möglich mit den Millionen des in der Schweiz residierenden Milliardärs Klaus-Michael Kühne, der in der Vergangenheit mehrfach versucht hat, Einfluss auf die Vereinspolitik zu nehmen. Noch im Juli hatte HSV-Präsident Carl-Edgar Jarchow die Geschäftsbeziehungen zu Kühne eingefroren.
Für die Rückkehr von van der Vaart und seiner Ehefrau Sylvie, die mehr als einmal deren Titel füllte, setzt sich auch die Bild-Zeitung vehement ein. „Die Pfiffe sind nicht mehr so laut“, spottete das Boulvard-Blatt angesichts der Tatsache, dass mit gut 50.000 Zuschauern so wenige wie lange nicht mehr im Stadion waren.



