Europapokal
Risiko Europa
von Ralf Lorenzen Nur knapp hat Borussia Mönchengladbach das Millionengeschäft Champions League verpasst. Nun muss der teure Kader mit weniger Einnahmen bezahlt werden. Die Bundesliga kennt viele Beispiele, wie Klubs sich an europäischen Wettbewerben verhoben haben. Das Wunder ist ausgeblieben und inzwischen dürfte auch Borussen-Geschäftsführer Stephan A.C. Schippers Max Eberl die Zahlen vorgelegt haben. Vor dem Rückspiel um die Champions-League-Qualifikation in Kiew hatte der Sportdirektor stets betont: "Ich habe mir gar nicht so viele Gedanken gemacht. Wenn wir es schaffen, ist immer noch genug Zeit zu überlegen, was in die Kassen käme"Teures TrostpflasterNun muss er sich damit beschäftigen, was durch das Trostpflaster Europa League in die Kassen kommt und wird dabei der einen oder anderen vergebenen Torchance noch mehr hinterhertrauern. Während die Champions-League-Teilnehmer 8,6 Millionen Euro Antrittsprämie kassieren, gibt es in der Europa League nur 1,3 Millionen Startgeld. Die Differenz potenziert sich noch durch die Siegprämien und Zuschauereinnahmen.So kassierte Meister Dortmund in der vergangenen Saison trotz des Aus in der Gruppenphase rund 25 Millionen Euro, während Hannover 96 selbst als Viertelfinal-Teilhemer in der Europa League nur 8,5 Millionen verdiente. Die knifflige Aufgabe für Max Eberl in der Saisonplanung bestand also darin, einen Kader aufzubauen, der sportlich reif für die Champions League ist, im negativen Fall aber auch in der Europa League bezahlbar bleibt.Der tiefe Fall der LöwenDieser Fall ist eingetreten - und an dem haben sich die drei deutschen Vorgänger von Borussia Mönchengladbach, die in der Qualifikation zur Champions League gescheitert sind, verhoben. Alle drei flogen nicht nur schnell aus dem "Cup der Verlierer", wie Franz Beckenbauer ihn einst titulierte, sondern qualifizierten sich in der folgenden Saison für überhaupt keinen europäischen Wettbewerb mehr.Am tiefsten war der Fall des TSV 1860 München, der 2000 in der Qualifikation an Leeds United scheiterte, aber weiter Stars wie Thomas Häßler, Davor Suker und Martin Max bezahlte. Das Aus setzte finanziell und sportlich eine Abwärtsspirale in Gang, die 2004 zum Abstieg aus der Bundesliga führte. Dass die Münchner immer noch am Tropf eines Investors hängen, hat allerdings noch andere Gründe, zum Beispiel die Beteiligung an der Allianz-Arena.Dortmund: Rettung im letzten AugenblickAuch Borussia Dortmund zog nach der Qualifikations-Niederlage 2003 gegen den FC Brügge nicht rechtzeitig die Notbremse, sondern versuchte weiter, mit Gewalt dem FC Bayern München Paroli zu bieten. 2005 stand der Verein kurz vor der Pleite. Erst in letzter Minute ließ sich ein Gläubiger zum Aufschub überreden und über die erzwungene finanzielle Konsolidierung kehrte später auch der sportliche Erfolg zurück.Der ist inzwischen auch bei Schalke 04 zurückgekehrt, obwohl sich der Schuldenstand im Jahr nach dem Aus in der Champions-League-Qualifikation 2008 gegen Atletico Madrid auf 250 Millionen erhöht hatte. Auch die in den Jahren davor eingenommenen Champions-League-Millionen hatte der Klub nicht für die Schuldentilgung verwendet, sondern den Kader weiter aufgerüstet, um endlich die erste Meisterschaft nach 1958 zu gewinnen. Inzwischen wurde ein Konsolidierungskurs eingeschlagen, das finanzielle Überleben sicherten allerdings nur die Auszahlung von Sponsorenverträgen und Anleihen in zweistelliger Millionenhöhe.HSV: Realitätsverlust und leere KassenWer seinen Kader einmal auf Champions-League-Niveau hochgefahren hat, tut sich schwer damit, sich anschließend wieder mit kleineren Zielen zu begnügen. Das zeigt auch das Beispiel des HSV: der hatte seinen letzten Auftritt in der Champions League 2006, investierte unter Präsident Bernd Hoffmann aber fleißig weiter in den vermeintlich kurz bevorstehenden Wiedereinzug in die Königsklasse. Heute ist die Kasse so leer, dass teure Transfers nur noch mit Hilfe eines ungeliebten Investors möglich sind.Um nicht in die gleiche Falle zu geraten, steuert Werder Bremen rechtzeitig dagegen. Ein Jahr wurde der in Champions League aufgebaute Kader trotz europäischer Abstinenz gehalten, jetzt hat Boss Klaus Allofs die Reißleine gezogen, teure Spieler wie Pizarro und Wiese abgegeben und den Etat für den Kader so um 5 Millionen Euro reduziert.Vorbild HannoverUm die gleiche Summe hat Borussia Mönchengladbach seinen Etat erhöht, dazu kommt ein Transferdefizit von rund 7,5 Mio. Euro. Noch ist das finanzielle Risiko überschaubar, auch wenn die Kostensteigerung nur zum Teil von den Europa-League-Einnahmen aufgefangen werden dürften. Die entscheidende Frage wird sein, wie die Borussen die sportliche Doppelbelastung verkraften, um in der Meisterschaft wieder um die europäischen Pfründe mitzuspielen.Mahnende Beispiele für das jähe Ende von Höhenflügen bilden Hertha BSC und der VfL Bochum, die jeweils im Jahr nach dem überraschenden Einzug in die Europa League aus der Bundesliga abgestiegen sind. Kein Wunder, dass die Fohlen lieber nach Hannover gucken: auch die 96er standen im Jahr vor ihrem Einzug in die Europa League kurz vorm Abstieg, haben die Doppelbelastung gut hinbekommen und sich finanziell nicht überhoben. Geht doch!
30.08.2012



