Was der Mythos Ratte verheißt, nahm im Alltag von Hameln konkrete Formen an: Die widerstandsfähigen Viecher fraßen sich unaufhaltsam durch die Vorratskammern. Die einzige Lösung hieß: Ausrottung der Plage in großem Stil.
Doch im Archiv der Stadt kann Dr. Humburg keinen Nachweis finden, dass jemals ein Rattenfänger mit der Aufgabe betraut wurde. Dafür entdeckt er Dokumente, die Hameln als bedeutende Mühlenstadt ausweisen.
Das Hauptgeschäft galt der Herstellung von Mühlsteinen, die über die Weser verschifft wurden. Aber auch mit dem Mahlen von Getreide verdiente die Kaufmannsgilde gutes Geld. Die vollen Kornspeicher sind eine passende Kulisse für die Sage vom Rattenfänger. Doch erst im 16. Jahrhundert verschmelzen Rattenvertreibung und Kinderauszug zu einer einzigen Geschichte.
"Im Jahr 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er gab sich für einen Rattenfänger aus, indem er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Mäusen und Ratten zu befreien. Er hatte einen Rock von vielfarbigem, bunten Tuch an, weshalb er Bundting soll geheißen haben. Die Bürger wurden bald mit ihm einig und versicherten ihm einen bestimmten Lohn." (Sage)

Der Vertrag mit dem Fremden scheint perfekt. Doch die Bezahlung erfolgt erst nach getaner Arbeit - so das letzte Wort der misstrauischen Ratsversammlung.
Die übliche Methode, die scheuen Tiere auszurotten, war das Aufstellen von Fallen oder das Auslegen von Gift. Ein Job, den niemand gerne übernahm. Denn Ratten galten als dämonische Wesen - und ihre Fänger als Zauberer oder Schwarzmagier. So zogen die sonderlichen Wandergesellen wie Vogelfreie ohne bürgerliche Rechte von Ort zu Ort.
Deshalb will es die Sage, dass der Mann am Verschwinden der Kinder schuld ist. Denn der Vagabund besitzt übernatürliche Fähigkeiten, da es ihm gelingt, die Nager allein mit den Tönen seines Instruments zu beherrschen. "Der Rattenfänger zog demnach ein Pfeifchen heraus und pfiff. Da kamen alsobald die Ratten und Mäuse aus allen Häusern hervor gekrochen und sammelten sich um ihn herum. Als er nun meinte, es wäre keine zurück, ging er hinaus, und der ganze Haufen folgte ihm auf dem Fuße."
Für den Historiker Wolfgang Hartung steckt in der dunklen Sagenfigur mehr als nur ein Charakter. Für ihn ist der geprellte Kammerjäger nicht allein ein Rattenvertreiber, der am Ende grausame Rache übt. Einer, der 130 Kinder willenlos macht, kennt die Gesetze der Bühne. Er weiß, wie er sein Publikum in Bann ziehen kann, zum Beispiel durch Tanz.
"Es ist kein Zufall, dass dieser Rattenfänger ein Spielmann ist. Der Spielmann ist der Fremde schlechthin. Der Spielmann ist der Verführer, der heute kommt und morgen geht, der die Seelen der Menschen einfängt. Und der Spielmann verführt im Auftrag des Teufels die Menschen zum Tanz."
Tanzen im Mittelalter ist in den Augen gottesfürchtiger Christen ein übles Laster. Denn die schamlosen Gebärden zu wilden Klängen verdarben die guten Sitten und gefährdeten das Seelenheil. Daher erließ die weltliche und kirchliche Obrigkeit strenge Verordnungen, um ausschweifende Gelage unter Kontrolle zu halten. Doch die Anziehungskraft der Spielleute war groß. Sie weckten Sehnsüchte, verkörperten Freiheit und Fleischeslust. Nicht selten erlag eine Dorfschönheit den Verlockungen der berauschenden Musik. Mit der Moral war es dahin, und die unschuldige Seele schlitterte in die Verdammnis.
Die Flöte und das kleine Tamburin haben auch eine magische Komponente. Gerade die Flöte oder andere Blasinstrumente sieht man auf mittelalterlichen Darstellungen oft in einem Teufels- oder Dämonenkopf enden. Es ist gewissermaßen die Stimme des Satans, die man dem Spielmann unterlegt. Spielmann und Rattenfänger in einer Person - beseelt vom Teufel. Nur so konnten die Bewohner von Hameln die Tragödie erklären. Den archäologischen Beweis für die Existenz jener Flöten liefert eine Grabung unweit der alten Mühlenstadt. Die Flöte ist durch die Begleitfunde sehr genau um 1300 datiert.
Wenn die Sage tatsächlich Botschaften aus der Wirklichkeit enthält, dann hat der Kammerjäger auf die falsche Methode gesetzt, nämlich Tod durch Ertrinken. "Und so führte er sie an die Weser. Dort schürzte er seine Kleider und trat in das Wasser, worauf ihm alle die Tiere folgten und hineinstürzend ertranken." Unmöglich, sagen Biologen und verweisen die Beschreibung ins Reich der Phantasie. Ratten gelten nämlich als hervorragende Schwimmer.