Ist der Rattenfänger in Wahrheit ein Lokator? Glaubt man den Forschern, hat er sogar einen Namen: Graf Nikolaus von Spiegelberg aus dem nahen Pyrmont. Er engagierte sich im Kolonisationsgeschäft. Warum aber haben die Hamelner nicht erfahren, wo ihre Leute gelandet sind?
Sobald die Auswanderer Hameln hinter sich gelassen haben, sind sie völlig auf die neue Heimat fixiert. Sie lassen alles zurück, sie konzentrieren sich völlig auf das neue Leben und die neuen Aufgaben.
"Ich glaube nicht, dass sie noch Zeit gehabt hatten, jemand zurück zu schicken und zu sagen: Wir sind hier angekommen und so weiter. Ich halte das für sehr unwahrscheinlich. Und ich bin sicher, dass nach zwei, drei Generationen jeder Kontakt abgebrochen war. Und gerade dann entstehen vielleicht solche Geschichten: Die sind untergegangen, die sind verschwunden, niemand weiß, wo sie geblieben sind."
Genau der Stoff, aus dem Legenden sind. Die wahren Ereignisse geraten allmählich in Vergessenheit und bieten Raum für phantastische Geschichten. Und da Sagen immer etwas Ungewöhnliches enthalten müssen, brauchen auch die Hauptakteure besondere Eigenschaften. Ohne dass die Glaubhaftigkeit verloren geht. Eine Mischung aus Fiktion und Tatsachen.
"Der Berg bei Hameln, wo die Kinder verschwanden, heißt Poppenberg, wo zwei Steine in Kreuzform aufgerichtet wurden. Einige sagen, die Kinder wurden in eine Höhle geführt und seien in Siebenbürgen wieder raus gekommen." (Sage)

An einer Hauswand in der Bungelosenstraße in Hameln befindet sich ein Merkvers zu den Vorfällen. Merkverse sind historische Überlieferungen im Telegrammstil. In der Regel entstehen sie zeitnah zum Ereignis.
Anno 1284 -
am Tag von Johannes und Pauli
ist gewesen der 26. Junii,
sind durch einen Piper -
mit allerlei Farbe bekleidet -
130 Kinder verleitet,
die in Hameln geboren
an Calvarien und den Köppen verloren.
Selbst wenn der Spruch erst viel später in aller Munde war, gilt sein Inhalt als glaubwürdig. Die feste Reimform verhindert ein nachträgliches Hinzufügen oder Weglassen von Zeit, Ort, Personen und Geschehen.
"An das Jahr 1284 kommen wir mit dem Ursprung dieser Inschrift nicht. Sie ist mindestens hundert Jahre später entstanden und an der kleinen Gasse angebracht worden. Zur stetigen Erinnerung an das Ereignis von 1284, was für die Stadt eine Katastrophe gewesen sein muss."
Obwohl die Merkverse als fälschungssichere Chronik die Keimzelle aller Sagenfassungen vom Kinderauszug bilden, fand die Quellengattung in der Forschung bislang wenig Beachtung. Der Historiker Bernd Hucker ist davon überzeugt, dass diese Nachricht aus der Vergangenheit nur eine Deutung zulässt.
"Es gibt keine Merkverse, die nicht auf realen Ereignissen beruhen. Wir müssen davon ausgehen, dass dies auch auf die Hamelner Merkverse zutrifft. Meines Erachtens nach kann es sich eigentlich nur um ein schweres Unglück handeln. Die ganze Quellengattung Merkverse befasst sich zum überwiegenden Teil auch tatsächlich mit Unglücksfällen. Im Hamelner Fall ist ein Pfeifer an der Spitze, und ein Jungvolk geht zu einem Fest vor die Tore der Stadt. Die Ortsbezeichnung Koppen oder in der Paderborner Überlieferung 'die Höhle' deuten eindeutig auf den kultischen Kreis im Ith."