Im Märchen verkleidet sich die böse Stiefmutter als alte Bauersfrau: "...und so ging sie über die sieben Berge zu den sieben Zwergen. Schneewittchen sah den schönen Apfel an und als es sah, dass die Bäuerin davon aß, so konnte es nicht länger widerstehen, streckte die Hand hinaus und nahm die giftige Hälfte..."
"...Kaum aber hatte es einen Bissen davon im Mund, so fiel es tot zur Erde nieder."
Das Schicksal hat sich erfüllt, die böse Stiefmutter ihr Ziel erreicht. So sieht es zunächst aus. Zweimal konnten die Zwerge ihren Schützling retten. Doch beim dritten Mal reichte die Macht der brüderlichen Freunde nicht mehr aus. Sie fügen sich in das Unvermeidliche und betten das leblose Mädchen in einen gläsernen Sarg.
Doch Märchen halten stets eine glückliche Wendung bereit. Der Tod verbreitet keinen Schrecken. Er ist nicht endgültig, sondern lediglich ein vorübergehendes Stadium der Verwandlung. Sozusagen ein Scheintod. Den Zustand beschreiben Mediziner als eine Phase, in der das Leben nicht vollständig erloschen ist.
Ab dem 16. Jahrhundert erforschten Pathologen das Phänomen. Denn immer häufiger wurden Menschen irrtümlich für tot erklärt. Der Angstwahn, lebendig unter die Erde zu kommen, zog Konsequenzen nach sich: Die Einführung der 72-Stunden-Frist vor der Bestattung. In der modernen Gesellschaft ist der Tod ein Tabu. Die Menschen fürchten sich davor und verdrängen ihn so gut es geht aus dem Alltag. Im Märchen hingegen gehört er als fester Bestandteil zum Leben und birgt ungeahnte Chancen.

So darf Schneewittchen im gläsernen Sarg auf einen Erlöser hoffen, der den Todes-Bann bricht. Auf Hilfe von außen, die sie dringend benötigt. Aus eigener Kraft konnte sie die harten Bewährungsproben nicht meistern. Der Mann kommt als königlicher Bräutigam und erkennt sie sogleich als die richtige Braut. Die Wandlung vollzieht sich in einem Augenblick. Aus dem Kind wird eine erwachsene Frau. Der Reifeprozess ist endgültig vollzogen, wenn Schneewittchen aus dem langen Schlaf erwacht. So siegt schließlich das Gute über das Böse. Und die Liebe über Missgunst und Eifersucht. Ein Happy End, aber ohne Echtheitszertifikat - entsprechend den Regeln des Märchens.
Schneewittchen - eine Figur aus dem Reich der Phantasie. Und doch haften an ihr Spuren eines irdischen Schicksals. Historische Botschaften aus längst vergangenen Tagen - über Generationen weiter getragen. Jacob Grimm hat einmal gesagt: Wer seine Heimat liebt, muss sie auch verstehen wollen, und wer sie verstehen will, muss überall in ihre Geschichte eindringen.
Doch wer mag entscheiden, welche Geschichten das Leben schrieb und welche frei erfunden sind. Jeder baut sich seine eigene Welt - voller Ängste, Hoffnungen und Träume. Märchen bleiben also ein Spiegel der menschlichen Seele, losgelöst von Zeit und Raum - mit ewig gültigen Weisheiten.
Und der Prinz sprach: "Ich habe Dich lieber als alles auf der Welt; komm mit mir in meines Vaters Schloss, du sollst meine Gemahlin werden". Da war ihm Schneewittchen gut und ging mit ihm, und ihre Hochzeit ward mit großer Pracht und Herrlichkeit angeordnet. Die Stiefmutter aber musste in die rotglühenden Schuhe treten und solange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.