Mit seiner spektakulären Aktion von 1284 hat der Pieper die Stadt an der Weser für immer geprägt und das dramatische Ereignis weltweit bekannt gemacht. Selbst nach über siebenhundert Jahren folgen Forscher der Spur des geheimnisumwitterten Vagabunden. Dabei beginnt die Geschichte harmlos.
Ein Rattenfänger tritt vor die Stadtoberen und bietet seine Dienste an. Der Bürgerrat verspricht ihm guten Lohn, wenn er die lästigen Tiere beseitigt.
Allein mit den Tönen seiner Flöte lockt der Fremde die Ratten und Mäuse ins Wasser. Sie ertrinken ausnahmslos. Das ausgemachte Honorar aber erhält der Pfeifer nicht. Dafür folgt die Rache auf dem Fuße. Als Jäger verkleidet taucht der Geprellte wieder auf und nimmt die Kinder von Hameln mit auf eine Reise ohne Wiederkehr.
In jenem Tag im Jahr verliert die aufstrebende Händlerstadt ihr wertvollstes Gut und damit die Hoffnung auf eine glückliche und gesicherte Zukunft. Die Menschen glaubten, ein Zauberer oder der Teufel persönlich sei für den Verlust der Jugend verantwortlich. Der unbekannte Mann fällt nicht nur durch das Flötenspiel auf, sondern auch durch sein buntes, ungewöhnliches Gewand. Kostümforscher sehen darin ein Turniergewand. Es ist so ungewöhnlich, dass eine Reisechronik noch dreihundert Jahre später davon berichtet. Die Eltern sollen in der Kirche gewesen sein, als der Fremde seinen tückischen Plan ausführte und die Kleinen am helllichten Tag zum Kalvarienberg lotste.

Als Sensationsmeldung verbreitet ein so genannter Einblattdruck aus Frankfurt das schauerliche Ereignis im Jahr 1622. Journalistisch aufbereitet und mit weiteren Details gespickt, enthält das Flugblatt eine deutliche Botschaft: Der Galgenberg steht als Symbol für den Tod. Womöglich ein Hinweis auf die große Epidemie des Mittelalters - die Pest. Über Jahrhunderte wütete die Seuche und raffte immerhin ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahin.
"In Pestzeiten können Menschen 'verschwinden'. Denn man spricht nicht von der Pest, weil der Aberglaube behauptet, wenn man die Pest beim Namen nennt, kommt sie erst recht. Also verschweigt man sie. Man verschweigt aber auch die Pesttoten, die ja sowieso nicht nach herkömmlichem Ritus auf den bekannten Friedhöfen, Kirchhöfen begraben wurden, sondern irgendwo vor der Stadt verscharrt wurden. Das könnte ins Bild passen."
Ist der Spielmann demnach ein Sinnbild für den Sensenmann - der die Hamelner Kinder mitten aus dem Leben riss und die Bürger in Angst und Schrecken versetzte? Wollte die Bevölkerung vertuschen, dass die unheimliche Krankheit auf einen Schlag 130 Todesopfer forderte? Die ehrgeizigen Kaufleute versuchten vielleicht zu verhindern, dass die Nachricht vom Massensterben die Runde machte. Neben der menschlichen Tragödie hätte die Isolation von der Außenwelt schon bald den wirtschaftlichen Ruin zur Folge gehabt. Bislang nicht mehr als eine These, denn die Pest erreichte Deutschland nachweislich erst um 1348.
Den Tatsachen hingegen entspricht, dass die Stadt an der Weser von Ratten wimmelte. Dass die gefräßigen Tiere auch Überträger der gefährlichen Epidemie sind, davon ahnten die mittelalterlichen Mediziner noch nichts. Aber jeder wusste: Wenn die scheuen Nager durch die Gassen streunen, droht der Schwarze Tod. Das schnelle Wachstum der Ortschaften bot den idealen Nährboden für die rasante Vermehrung des ungeliebten Ungeziefers. Innerhalb der Mauern drängte sich ein Haus an das andere. Akuter Platzmangel war in jener Zeit die Regel. Eine Grabung am Rande der Braunschweiger Altstadt gibt Aufschluss über die Lebensumstände im Rattenfänger-Jahrhundert.
"Die Gebäude waren nicht so primitiv, wie man sich das häufig fürs Mittelalter vorstellt. Das waren schon mehrgeschossige, sorgfältig verzimmerte Gebäude, die auch einen recht hohen Wohnkomfort geboten haben. Ganz ähnliche Gebäude muss man auch für Hameln annehmen, die wir auch anhand des Fundmaterials nachweisen können."
Aus den Fundamenten und den zahlreichen Scherben rekonstruieren die Archäologen die Aufteilung der Räume. Die hygienischen Einrichtungen waren wenig komfortabel. Trinkwasserbrunnen lagen oft in unmittelbarer Nähe der Kloaken. Zum Stadtbild gehörten auch Ställe mit Kühen und Schweinen. Das Kleinvieh tummelte sich in den Gassen. In den Straßen häuften sich die Abfälle. Viele Arbeiten erledigten die Menschen direkt vor der Haustür. Dort versorgten sie auch ihre Tiere. Vorschriften für eine "saubere Umwelt" gab es damals nicht. So erwartete die Nager ein ständig gedeckter Tisch.
Der Gipfel des Grauens ist der Rattenkönig. Ein Bündel aus Nagern, die ihre Schwänze ineinander verknotet haben. Ein misslicher Zustand, der unweigerlich den langsamen Tod bedeutet. Denn meistens können sich die Tiere nicht selbständig befreien, um Nahrung zu suchen. Im Museum von Altenburg ruht der größte Rattenkönig der Welt - ein Gebilde aus 32 mumifizierten Exemplaren. Dem Volksglauben nach stehen Ratten im Bund mit dem Teufel und seinen dämonischen Helfern. Sie dienen Hexen und bringen arglose Menschen zu Schaden.