In der Sage sind die musikbegeisterten Ratten ein wichtiger Schlüssel zu einem bislang nicht entdeckten Geheimnis. Ein möglicher Hinweis schlummert im Statutenbuch von Hameln aus dem 14. Jahrhundert.
Im Hamelner Statutenbuch hat ein Unbekannter eine gewöhnliche Datierung um den merkwürdigen Zusatz ergänzt: "nach unserer Kinder Weggang im Jahre 1284". Die Tatsache, dass die Stadt eine eigene Zeitrechnung einführte, stellt das plötzliche Verschwinden der Kinder auf den Boden historischer Tatsachen. Auch wenn die Eintragungen erst später vorgenommen wurden.
"Diese Werbemaßnahme ist - nach dem Stand unserer Erkenntnis - durchgeführt worden, um den neugierigen Besuchern der Stadt, die nur des Kinderfängers wegen kommen, den Beweis zu führen: Ja, natürlich stimmt das. Wir haben es ja hier im Urkunden-Buch stehen. Und wenn es nicht geschehen wäre, würde es nicht da drin stehen."
Da der mysteriöse Fall damals nicht aufgeklärt werden konnte, machten die Verantwortlichen den Rattenfänger zum Sündenbock.
Noch heute profitiert die Stadt von der brillanten Idee des Rattenfängers als Werbefigur. Millionen von Touristen aus aller Welt strömen jährlich an den Ort des Geschehens. Die schauerliche Mär sorgt immer noch für Furore. Von Mai bis September verzaubert eine Laienspieltruppe jeden Sonntag die begeisterte Menge. In der Hauptrolle der legendäre Rattenvertreiber mit seinem wuseligen Anhang. Nicht die 130 vermissten Kinder bewegen die Gemüter. Ihr dunkles Schicksal überstrahlt der bunt gekleidete Verführer als internationaler Exportschlager. Das sagenhafte Ereignis lässt in Hameln seit über 700 Jahren die Kassen klingeln. Ironie der Geschichte: Die Stadt verdient immer noch an jenem Mann, den sie damals rücksichtslos übervorteilte.
Der schnöde Betrug durch die ehrbaren Kaufleute war für den erfolgreichen Kammerjäger eine Schmach. Seine gedemütigte Seele schreit nach Rache. Der Psychologe Thomas Müller arbeitet für das Bundesministerium des Inneren in Wien. Seit Jahren ermittelt er weltweit bei komplizierten Kriminalfällen. Anhand der Entscheidungen, die ein Täter fällt, kann der führende Experte ein Profil erstellen. Im Rattenfänger erkennt er einen integren Charakter, der erst bösartig wird, als ihm Unrecht widerfährt.
"Der Rattenfänger von Hameln ist meines Erachtens nach eine gekränkte Person, die sich zurückzieht und auf Rache sinnt. Wir würden sagen, dass er eher im biologisch höheren Alter ist, denn junge Menschen tendieren in der Regel dazu Problemstellungen sofort zu lösen und nicht zu warten. Erst Menschen, die in der zweiten Dekade ihrer Lebenshälfte stehen, Menschen, die eine gewisse Erfahrung mitbringen, unterscheiden zwischen Ursache und Wirkung. Es ist ihm klar: Er kann die Situation jetzt nicht ändern. Er verlässt die Stadt, aber er verkleidet sich."
"Am 26. Juni auf Johannis- und Paulitag, morgens früh 7 Uhr, nach andern zu Mittag, erschien er wieder und ließ seine Pfeife in den Gassen hören. Jetzt in Gestalt eines Jägers. Er hatte ein erschreckliches Angesicht und trug einen wunderlichen Hut. Alsbald kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Jahr an, in großer Zahl gelaufen, worunter auch die erwachsene Tochter des Bürgermeisters war. Der ganze Schwarm folgte ihm nach." (Sage)
Die jungen Leute zogen durch die Bungelosenstraße - die tonlose Gasse - hinaus zum Ostertor. In Erinnerung daran darf seither dort keine Musik erklingen. Nicht einmal Brautpaare dürfen das strenge Gebot übertreten.