Geiz ist geil - auch bei Lebensmitteln. Der Preiskampf führt zu einem gnadenlosen Wettbewerb bei Agrarprodukten, unter dem auch die Umwelt leidet. Verbraucherschützer fordern auf der Grünen Woche ein Umdenken.
Eines der krassesten Beispiele der letzten Zeit, wohin diese Billigmentalität führen kann, ist analoges Essen - zum Beispiel Analogkäse, der mit Pflanzenfett statt Milchfett hergestellt wird. Groß war die Aufregung bei Verbrauchern. Aber dass es Qualität nicht zum Fast-Nulltarif geben kann, ist eine Selbstverständlichkeit - darüber sind sich Bauernverbände, Natur- und Verbraucherschützer einig.
Naturgemäß wollen auch Landwirtschaft und Ernährungsindustrie im Lebensmittelsektor den Preiskampf beenden, der von ihnen gerne als "ruinös" bezeichnet wird. Schließlich hängen Gewinne und Arbeitsplätze davon ab. Die Argumente hören sich dabei teilweise ähnlich an wie die der Naturschützer. Die Ziele von Natur- und Agrarlobby sind dennoch meist unterschiedlich.
Die Grüne Woche ist die weltgrößte Schau der Land- und Ernährungswirtschaft sowie des Gartenbaus. Seit Jahren kommen Aussteller aus fünf Kontinenten immer Mitte Januar nach Berlin. Zur 75. Auflage vom 15. bis 24. Januar kommen laut Veranstalter mehr als 1.600 Anbieter in die Messehallen unter dem Berliner Funkturm, rund 400.000 Besucher werden erwartet.
Auch für die Politik wurde die Messe in den letzten Jahren wichtiger: In diesem Jahr werden rund 150 Spitzenpolitiker aus dem In- und Ausland erwartet. Unter anderem stehen die Themen Klimaentwicklung, Landwirtschaft und die Ernährungssituation auf der Tagesordnung.
Zum ersten hört man Folgendes offiziell nie von den mächtigen Verbänden, in denen die großen Erzeuger das Sagen haben: Zu hoch sollen die Preise in der Landwirtschaft auch wieder nicht sein. Denn ab einer gewissen Betriebsgröße kann man selbst mit halbwegs niedrigen Preisen Gewinne erwirtschaften - die kleinen Betriebe, die da nicht mithalten können, hält man sich so vom Leib.
Zum zweiten geht es für Umwelt- und Verbraucherschützer natürlich um mehr als das Geld. So warnt der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) vor den ökologischen Folgen globaler Lebensmittelproduktion. Es drohe die Gefahr eines Dumpingwettbewerbs auf Kosten von Sozial- und Umweltstandards, sagte vzbv-Vorstand Gerd Billen bei der Grünen Woche in Berlin. Statt auf grenzenlose Vielfalt zu setzen, sollten nachhaltig denkende Konsumenten lieber "mehr regionale, saisonale und Bio-Produkte" kaufen.
Das helfe beim Kampf gegen den Klimawandel. "Wer sich und der Umwelt Gutes tun will, kann seinen Fleischkonsum reduzieren und die Lebensmittelproduzenten zu mehr Engagement drängen", so Billen.
Auch die Politik könnte bei den Erzeugern ansetzen, um bessere Qualität von Lebensmitteln mit Umweltbewusstsein zu verbinden. Weil die Kräfteverhältnisse in der Lebensmittelkette ungleich verteilt sind und die großen Konzerne die Bedingungen diktieren können, funktioniert eine Steuerung nicht allein über den Preis der Agrarprodukte.
Der Umweltschutzbund World Wildlife Fund (WWF) zum Beispiel fordert finanzielle Hilfen für Bauern, die beim Anbau Klima, Wasser und biologische Vielfalt schützen. Spätestens mit dem Inkrafttreten der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik im Jahr 2014 müssten Agrarsubventionen grundsätzlich an ökologische Kriterien gekoppelt werden.
Wie realistisch ist das? Lutz Ribbe ist da guter Dinge. Der parteilose Naturschützer, Mitglied des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses und Direktor der Organisation EuroNatur, sagte im Gespräch mit heute.de: "Ich glaube, dass wir Veränderungen in der Förderarchitektur bekommen, auch in der Höhe der Zahlungen."
Denn erstens werde es in Zukunft auf Druck der Finanzminister nicht mehr ganz so viel Geld für Agrarzwecke geben. Außerdem werde die europäische Agrarpolitik nach 2013 zum ersten Mal vom Europaparlament mitentschieden. Deswegen, glaubt er, würden die gesellschaftlichen Belange besser berücksichtigt, sollten die Fachminister untereinander etwas aushandeln.
Dabei denkt Ribbe über Subventionen hinaus: "Es geht um viel mehr als nur die Ökologisierung der EU-Gelder". Agrarpolitik könne für Klarheit beim Konsumenten sorgen. Bestes Beispiel seien Käfig-Eier, von denen sich die Verbraucher abgewendet hätten, seit die EU für klare Kennzeichnung gesorgt hätte.
Wo sich Naturschützer und Agrarlobby einig sind: Das Spekulieren mit landwirtschaftlichen Produkten an den Finanzmärkten ist schlecht. Der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Gerd Sonnleitner, fordert eine "Spekulationssteuer" für solche Fälle. Und Naturschützer Ribbe sagt: "Da ist die Politik in der Tat gefragt. Ich bin überfragt, ob das mit einer Steuer geregelt werden muss. Aber die Spekulation mit Ernten, mit Mengen und Preisen, ist ein Problem geworden. Da werden Geschäfte gemacht zu Lasten der Bauern und der Umwelt."